Der Teufelsberg in Berlin lockt mit seinen weißen, wie Champignonköpfe anmutenden, Kuppeln, die aus dem Wald herausragen. Ich wollte schon immer einmal dort hin, hatte ich doch kürzlich gelesen, dass die ehemalige amerikanische Abhörstation aus den Zeiten des Kalten Krieges endlich unter Denkmalschutz gestellt worden ist. Also nutzten wir den ersten frühlingsmilden Februartag und schauten uns die Sache einmal aus der Nähe an. Wir waren zu spät oder zu früh, wie man es nimmt. Nach langer Zeit des Verfalls sind Teile der Anlage und vor allem die Aussichtsplattform aus Sicherheitsgründen für Besucher gesperrt. Es empfiehlt sich, Interesse dabei zu haben - für die Geschichte des Ortes oder zumindest für Graffitis.



Zu finden ist der Teufelsberg am Rand des Grunewalds unweit vom Teufelssee, von dem er seinen Namen hat. Er ist keine natürliche Erhebung, sondern wurde nach dem Krieg mit Trümmern aufgeschüttet, die vor allem aus Charlottenburg und Wilmersdorf hierher entsorgt wurden, bis der zweitgrößte Berg Berlins entstanden war. Mit großem Aufwand wurde er in einen Wald zur Naherholung verwandelt und seine Hänge sind heute eine der ersten Adressen für die Mountainbiker der Stadt. Die US-Armee reservierte sich den Gipfel als idealen Standort für eine Abhöranlage. Sie installierte umfangreiche Technik zur Überwachung des Luftraumes und belauschte bis zum Ende des Kalten Krieges den Funkverkehr im Ostblock. Nach dem Abzug der Amerikaner diente die Radaranlage noch einige Jahre der Flugsicherung, um nach der Jahrtausendwende in einen Dornröschenschlaf zu fallen. Die Prinzen, die das Gelände danach wieder wach küssen wollten, scheiterten mit ihren Projekten - der Zahn der Zeit und Vandalismus setzten den Bauten gewaltig zu.



Trotz dieser widrigen Umstände entwickelte sich der Teufelsberg zu einem Ausflugsziel für Touristen. Es gibt eine Ausstellung zur Geschichte des Ortes und regelmäßige Führungen. Leider ist die Plattform zwischen den Radarkuppeln derzeit für Besucher gesperrt. Wer die maroden Bauten sieht, versteht diese Sicherheitsmaßname. Einen spektakulären Blick über die Stadt gibt es also nicht, doch das Gelände ist weitläufig und kann bei einem Spaziergang erkundet werden. Der Eintrittspreis ist somit gerechtfertigt und kann einen kleinen Beitrag für die dringend nötigen Sicherungsarbeiten leisten. Hoffentlich gibt auch der Denkmalschutz bald ein paar Mittel dazu.



Viele Künstler sorgen dafür, dass die ehemalige Radarstation nicht vollends nur wie eine Ruine aussieht. Alle verfügbaren Flächen sind mit Graffitis dekoriert und überall finden sich Kunstobjekte. Es heißt, der Teufelsberg sei die größte und höchstgelegene Street Art Galerie Europas. Abseits der Superlative ist er in jedem Fall ein Stück unverwechselbares Berlin - experimentierfreudig, improvisiert, zerzaust, mit eigenwilligem Flair und überhaupt: gegen den Strich gebürstet.



Unser Besuch auf dem Teufelsberg verlief anders als erwartet, doch wir haben eine interessante und entspannte Zeit hier verbracht. Wie gesagt, es fühlte sich an, als wären wir entweder zu früh oder zu spät gekommen. Viele verschlossene Türen hielten uns auf Distanz. Wir sind noch etwas die Waldwege entlang spaziert und haben uns am Ufer des Teufelssees in die Sonne gesetzt. Wir werden noch einmal wiederkommen, wenn sich das Denkmal gefunden hat.

#Dagewesen: Februar 2019
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Gut ausgeschlafen starteten wir in unseren ersten Ausflugstag auf Lanzarote. Doch zunächst nahmen wir unser Auto in Empfang. Alles ging schnell und unbürokratisch und schon saßen wir in einem nahezu neuen Seat Ibiza und machten uns auf den Weg Richtung Westküste. Die rostbraunen Vulkanhänge kamen näher, hinter dem Städtchen Yaiza waren die Palmen, Büsche und Felder an der Straße abrupt zu Ende und erstarrte Lava verdunkelte die Landschaft. Bei den letzten großen Eruptionen im 18. Jahrhundert hatte sich die zähe Masse bis nah an den Ort gewälzt und den fruchtbaren Boden unter sich begraben. Eine bizarre Szenerie zerklüfteter Schwärze bis zum Horizont - und mitten hineingewuchtet die Asphaltpiste, auf der wir El Golfo entgegensteuerten.



An unseren ersten Besuch in El Golfo konnten wir uns noch erinnern: Ein zerborstener Krater, halb im Meer versunken, mit einer grün schimmernden Lagune. Der Kratersee schien über die Jahre etwas kleiner geworden zu sein und auch der Zugang zu seinem Ufer war nicht mehr möglich. Doch auch der neue Aussichtpunkt präsentierte das Panorama ein seiner ganzen Pracht. Ein rostbrauner Vulkankegel, von Schichten aller Farbnuancen durchzogen, rötliche Felsen, ein Damm aus schwarzen Lavakörnchen, das weiß schäumende blaue Meer - und in der Mitte ein olivingrüner See. Alle Farben der Insel scheinen hier an einem Ort versammelt. Im Lavasand des Kraters können Olivine gefunden werden, hieß es, doch die grüne Farbe der Lagune stamme nicht etwa von diesen Halbedelsteinen auf dem Grund des Sees, sondern von Algen, die sich in dem salzigen Wasser munter vermehren. An den Verkaufsständen am Parkplatz wurden Schmuck und Andenken aus Olivin angepriesen. Übrigens: Olivin ist ein grünlich-transparenter Halbedelstein, ein Mineral, das sonst nur im Erdmantel zu finden ist.



Von El Golfo aus blieben wir in Küstennähe. Wir waren natürlich vorbereitet und hatten den Inselplan dabei. Das nächste Ziel war Los Hervideros und versprach ein eindrucksvolles Naturschauspiel. Doch die gab es hier in Hülle und Fülle. Immer wieder hielten wir, stiegen aus, kraxelten auf schroffen Klippen herum und genossen in alle Richtungen die Aussicht.



In Los Hervideros kämpft der Atlantik mit erstarrten Lavamassen. Im Hintergrund sind die Krater der Feuerberge zu sehen, von denen aus sich einst der glühende Strom ergoss und ins Meer strömte. Der Ozean ließ die Lava zu Gestein erstarren, formte Grotten und Höhlen und rennt bis in die Gegenwart mit der Kraft seiner Wellen gegen die Felsen an. Eine imposante und bizarre Szenerie, die wirklich Eindruck macht. Naturgewalten? Hier bekamen wir eine Ahnung davon. Das Wasser sprudelte und schäumte durch die Felsspalten, ungestümes Rauschen hallte von den blankgespülten Höhlenwänden zurück. Wir tapsten vorsichtig die schmalen Pfade zwischen den Felsen entlang. Die engen Wege waren teils halsbrecherisch in den Stein geschlagen, führten zu kleinen Plattformen und Aussichtspunkten, von denen aus wir dem Meer beim Sieden in den Grotten zuschauen konnten. Es war leicht, sich vorzustellen, wie bei Sturm hier die Fontänen in den Himmel schießen. Ehrlich: In Deutschland würde man keine Touristen in eine solch waghalsige Anlage lassen. Doch wir waren froh, dies so hautnah erleben zu dürfen.



Die nächste Station waren die Salinas de Janubio. Hier schauten wir uns an, wie aus verdunstendem Meerwasser Salz entsteht. Früher war das weiße Gold unverzichtbar für die Konservierung von Fisch. Heute, lesen wir auf einer Info-Tafel, sei die Salzgewinnung hier nicht mehr ganz so relevant. Interessant war es allemal, zu sehen, wie in den wie Felder angelegten Becken das Salz zu kleinen Pyramiden angehäuft wird.



Der Tag war noch jung, also auf zum Südzipfel der Insel, den Papagayo Stränden. Sie gehören zu den wenigen echten Sandstränden auf Lanzarote. Die meisten Besucher kommen vermutlich mit Ausflugsschiffen, der Weg mit dem Auto führt über eine grob befestigte Straße. Sie beginnt kurz hinter Playa Blanca an einem Tor, an dem ein Pförtner eine Gebühr für die Einfahrt ins Naturschutzgebiet kassiert. Dann geht es ein gutes Stück eine rustikale Piste entlang. Vor uns fuhr ein Wasserwagen, der die Sandstraße besprenkelte, um den Staub zu binden. Wir hielten Abstand, tuckerten langsam und profitierten von diesem Service, als wir von einem Geländewagen überholt wurden.

Die Papagayo Strände sind schon recht abgelegen, aber wirklich idyllisch. Sie liegen unterhalb der Felsen und sind nur über recht steile Abstiege zu erreichen. Um noch einmal auf die Farben zu sprechen zu kommen: Das Wasser ist kristallklar und schimmert karibisch, am Strand schimmert goldgelber Sand. In der Ferne schwimmt die Nachbarinsel Fuerteventura im azurblauen Meer.

An neuen Eindrücken waren wir erstmal satt, doch ein kleiner Hunger meldete sich. Zwar gab es oben auf dem Felsen ein Strand-Restaurant, doch wir beschlossen, uns langsam auf den Rückweg zu machen und unterwegs nach einem Snack Ausschau zu halten.

#Dagewesen: Juni 2018
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Wir waren schon einmal auf Lanzarote. Das war 1995. Damals waren wir noch etwas verzagte Pauschaltouristen, schmiegten uns eng an die Ausflugsvorschläge unseres Reiseveranstalters und sahen die Insel vor allem vom Bus aus. Es war ein grandioser Urlaub, ich will keinen Schatten darauf werfen. Wir sahen und erlebten viel, jedoch meist in der Gruppe und in der Zeit limitiert. Später sagten wir uns immer wieder, dort müssten wir noch einmal hin und dann mit dem Mietwagen und in eigener Regie die Insel erkunden. Fast 23 Jahre sollte es dauern, doch dann machten wir uns wieder auf den Weg nach Lanzarote, der nördlichsten der Kanarischen Inseln.



Am Flughafen Tegel erlebten wir einige aufregende Minuten. Neben uns wurden bereits die Reisenden einer Maschine nach Teneriffa abgefertigt, als der Flug von der Anzeige verschwand. Gestrichen. Eine komplette Katastrophe für die Urlauber - vielleicht eine Nachwirkung der Streiks in den letzten Tagen. Unruhe verbreitete sich. Einige Leute versuchten, noch auf unseren Flieger umzubuchen, um sich dann per Fähre auf eigene Faust nach Teneriffa durchzuschlagen. Doch auch unser Flugzeug wurde plötzlich als verspätet angezeigt, obwohl wir es bereits vor dem Terminal stehen sahen. Die Crew sei noch nicht da, hieß es. Also Daumen drücken und warten. Endlich kam die Besatzung in einem Kleintransporter vorgefahren, das Boarding nach Lanzarote konnte beginnen. Als alle bereits Platz genommen hatten, gab es schon wieder eine Verzögerung. Probleme mit einer Tür, ein Techniker würde kommen. Wir fürchteten schon, wieder aussteigen zu müssen, doch der Fachmann bekam die Sache in den Griff. "Cabin crew ready for departure" und ab zur Rollbahn.



Am späten Nachmittag kamen wir auf Lanzarote an, der Transfer ins Hotel funktionierte reibungslos. Schlagartig war unsere Begeisterung für die Insel wieder aktiviert. Das schroffe Panorama der Vulkanberge, die weißen Häuser mit ihren blauen Fensterrahmen, die wippenden Palmwedel, der dunkelsandige Strand, das rauschende Meer, der nimmermüde Wind - es muss hier einen geheimen Hauptschalter für die Urlaubsstimmung geben. Wir drängten darauf, unser Quartier zu beziehen und die Koffer aufzumachen.



Wir wohnten an der Playa de los Pocillos, nur wenige Kilometer südlich vom Flughafen Arrecife entfernt. Die Appartement-Anlage sah freundlich aus, der Concierge war es. Alles stimmte uns froh und zufrieden - doch unsere Unterkunft toppte dann sogar unsere kühnsten Erwartungen. Direkt an der Strandpromenade, im ersten Stock, zwei Schlafzimmer, Terrasse mit Blick auf das Meer. Ein Theaterblick wie von einer Loge aus und mehr Platz, als wir brauchten.

Wir hatten Halbpension gebucht, damit der Tag zwischen Frühstück und Abendessen zur freien Verfügung stand und wir uns sonst um nichts kümmern müssten. Auf unserem ersten Weg zum Buffet schauten wir uns noch den Pool an: von schlanken Palmen gesäumt und im Windschatten der zum Hotel gehörenden Appartements. Poolbar, Lobby und Sonnenterrasse nur wenige Schritte entfernt. Da gab es nichts zu meckern.



Nach dem Essen erkundeten wir die Gegend. Zuerst natürlich an den Strand - er ist breit, sehr breit, ich würde ihn auf mehrere hundert Meter schätzen. Der Sand besteht vermutlich aus zerbröseltem Vulkangestein, war von der Sonne aufgeheizt und wurde entweder vom Wind zu Dünen zusammengetrieben oder vom Wasser zu einer unter den Füßen knisternden Haut verklebt. Das Meer war frisch, schließlich war erst Anfang Juni, doch die Füße gewöhnten sich rasch. Das eine oder andere Bad in den Fluten war möglich.

Der Strand war von einer Straße mit breiter Bummelpromenade eingefasst. Alles sehr gepflegt, mit Blumenrabatten, Kakteen und exotischen Blütenbüschen, mit reichlich Bänken, kleinen Skulpturen und einem bunten Windspiel mitten im Kreisverkehr. Strelitzien wachsen hier übrigens überall am Straßenrand. Einen kleinen Spaziergang entfernt gab es an Läden, Restaurants und Bars alles, was das Touristenherz begehrt. Einkehren wollten wir heute jedoch noch nicht, der Tag sollte auf unserem Balkon ausklingen. Noch schnell eine Flasche heimischen Wein aus dem Supermarkt geholt und zurück ins Hotel.



Über den Panoramablick schwärmten wir jedes Mal, wenn wir auf der Terrasse saßen. Wir schauten zu, wie es langsam dunkel wurde, sahen Schiffe entschwinden und die Flugzeuge in großem Bogen der Landebahn entgegensinken. Aus einer Bar klang Musik herüber, immer mehr Lichter blinkten auf. Als die Schwärze der Nacht über dem Meer komplett war, rätselten wir, ob die Lichter in der Ferne den Strand, das Meer, den Horizont oder den Himmel markierten. Es war wirklich schwer zu ermitteln und manches Mal entpuppte sich ein vermeintliches Boot als Spaziergänger mit Taschenlampe am Strand.

Das war unsere Ankunft auf Lanzarote. Ich werde diesen Urlaub nicht als Tagebuch dokumentieren. Die Stunden am Pool, das Baden im Meer, die Strandspaziergänge, Restaurantbesuche und Mußestunden müssen nicht erwähnt werden. Ich werde in weiteren Beiträgen von den schönsten Orten auf unseren Touren mit dem Mietwagen berichten. Wer mir dorthin folgen mag, findet sie im Archiv und unter dem Tag "Lanzarote".

#Dagewesen: Juni 2018
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Das Kloster Lehnin ist ein universell gültiger Ausflugstipp. Im Evangelischen Krankenhaus auf dem Klostergelände bin ich geboren und in einem Dorf der weiteren Umgebung, das einst von den hiesigen Zisterziensermönchen gegründet wurde, aufgewachsen. Ich war immer wieder hier und empfehle allen, die sich für brandenburgische Geschichte interessieren, einen Besuch.



Über 800 Jahre ist es her, als in der Zauche, rings um das heutige Lehnin, in ausgedehnten Wäldern heidnische Slawen lebten. Hier ging Markgraf Otto I. von Brandenburg auf die Jagd und verausgabte sich dabei so sehr, dass er ein Nickerchen brauchte und sich dafür unter eine Eiche legte. Im Traum sah er sich von einem Hirsch bedroht, der ihn mit seinem Geweih attackierte und dem er sich nur mit Mühe und göttlichem Beistand erwehren konnte. Das ist ein Zeichen, meinten seine Jagdgefährten und schlugen vor, an dieser Stelle eine wehrhafte Burg zu errichten. Otto I. entschied jedoch, hier ein Kloster bauen zu lassen.

Das ist die Gründungslegende des Klosters Lehnin, die auch Fontane für die Nachwelt festgehalten hat. Ab dem Jahr 1180 begannen die Zisterzienser das erste Kloster der Mark Brandenburg im romanischen Stil zu errichten. Hundert Jahre später wurde der Backsteinbau mit einem frühgotischen Kirchenschiff beendet. In die Treppenstufen zum Chorraum der Klosterkirche wurde ein versteinerter Eichenstamm eingefügt und markiert bis heute möglicherweise die Stelle, an der der Markgraf sich einst Schlafen legte.



Das Kloster Lehnin ist ein zentraler Ort für die Geschichte Brandenburgs. Von hier aus wurde missioniert und urbar gemacht, die bekannten Klöster Chorin und Himmelfort wurden von den Zisterziensern aus Lehnin gegründet. Dass die Basilika und einige Klostergebäude heute wieder besucht werden können, ist dem restauratorischen Eifer im 19. Jahrhundert zu verdanken, als mit großem Aufwand die Klosterkirche Lehnin nach historischem Vorbild wieder aufgebaut wurde. Denn lange Zeit war die gesamte Anlage zur Ruine geworden. Während der Reformation wurde das Kloster aufgelöst, der Dreißigjährige Krieg brachte Plünderung und Verwüstung.



Seit gut 100 Jahren wird das Klosterareal in Lehnin von der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg genutzt. Die Klosterkirche kann besichtigt werden und es gibt ein kleines Museum, das vom Leben seit der Zisterzienserzeit erzählt. Von der Kirche aus führt ein schöner Spazierweg zu einer Allee mit alten Bäumen, den Emsterkanal entlang gelangt man bis an das Ufer des Klostersees. Auf einer der idyllisch platzierten Bänke sollte man sich kurz setzen, die Augen schließen und sich vorstellen, wie ein Hirsch über die Wiesen springt.

#Dagewesen: November 2018
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Brandenburg ist eine schöne Stadt. So uneingeschränkt galt dieser Satz für mich nicht immer. Ich kann mich noch an Zeiten erinnern, da war die Stadt vor allem Industrie und sah aus wie eine vernachlässigte Werkbank. In den letzten Jahren wurde kräftig Staub gewischt, aufpoliert und erneuert. Heute gibt es viele herausgeputzte Ecken und immer noch ist die Stadt dabei, sich neu zu erfinden. Wir sind oft hier und fanden eines Tages, es sei höchste Zeit, Brandenburg auch einmal von der Havel aus zu entdecken.



Der Schiffsanleger befindet sich zentral an der Jahrtausendbrücke. Sie erhielt ihren Namen anlässlich ihrer Einweihung 1929 im Umfeld der Tausendjahrfeier Brandenburgs. In den neunziger Jahren bekam sie eine komplett neue Gestalt, der Name jedoch blieb. Wer Brandenburg kennt, kennt auch die Jahrtausendbrücke und die Treppe, die zur Havel und zu den Anlegestellen führt. Von hier aus machten wir uns auf dem vollbesetzten Aussichtsdeck mit dem Dampfer auf den Weg.

Zunächst ging es Richtung Domstreng, einer Fluss-Sackgasse, der sich ein Riegel ehemaliger Mühlen und Lagerhäuser in den Weg stellt. Ohne diesen Abstecher jedoch gäbe es keinen Blick auf die Dominsel, der Wiege der Mark Brandenburg. Der Dom Sankt Peter und Paul ist die älteste Backsteinkirche der Mark, erfuhren wir über Lautsprecher vom Kapitän. Nachdem in der letzten Phase dreistelliger Jahreszahlen das slawische Brandenburg von den christlichen Truppen Heinrich I. erobert und ein Bistum gegründet worden war, fand 1165 die Grundsteinlegung des Domes statt. Ein Ort mit bedeutsamer Geschichte und einer der Urspünge dessen, warum heute das ganze Land Brandenburg heißt.



Zurück aus dem Domstreng wandte sich das Schiff dem Beetzsee zu. Erstmals erblicken wir, was sich hinter den dicht bebauten Straßenzeilen an Flusslandschaft verbirgt. Von der Stadt aus ist diese Idylle unsichtbar: Baumbestandene Ufer, hübsche Gärten, gemütliche Pavillons, immer wieder Anlegestellen. Vom Wasser aus bietet Brandenburg dörfliche Beschaulichkeit. Hier zu wohnen muss herrlich sein.



Hinter einer Brücke öffnet sich der Beetzsee und die Regattastrecke wird sichtbar. Auf einem Mast am Rande der Fahrrinne steht die Figur eines legendären Brandenburgers: Fritze Bollmann. Der Kapitän gab einige launige Anekdoten des berühmten Anglers zum Besten und dann erklang, zur allgemeinen Freude und einigen zum Mitsingen Animierter, das hinlänglich bekannte Lied von Fritze Bollmann und seinem Angelkahn.



Dann hieß es Beidrehen und zurück Richtung Silokanal. Der Silokanal, fast lässt der Name es schon vermuten, ist ein strenger, sehr ingenieurtechnischer Wasserweg. Auch die Uferbebauung ist entsprechend. Vorbei geht es am Stahlwerk mit seinen Kränen und Hallen. Früher reihten sich hier die Schmelzöfen mit ihren Schloten. Die Schornsteine sind heute verschwunden, doch im Industriemuseum an der Stirnseite der gigantischen Werkhalle ist ein alter Siemens-Martin-Ofen für die Nachwelt erhalten worden.



Aus dem Silokanal ergießt sich das Havelwasser in den Quenzsee, in der Ferne ist Kirchmöser zu sehen. Nur noch bewaldete Ufer und glitzernde Wasserflächen umgaben uns und die Stadt schien fern. Weiter ging unsere Fahrt auf den Breitlingsee, dann bis zur Kanincheninsel und zurück auf die Brandenburger Niederhavel. Das Flussufer ist über weite Strecken naturbelassen, fast würde ich es als urwüchsige Auenlandschaft bezeichnen. Es verbreitet Ruhe und scheint abgeschieden. Kaum zu glauben, dass sich hier vor dem Bau des Silokanals der Hauptweg für die Schifffahrt befand, der Mitten durch Brandenburg führte.

Langsam kam Brandenburg wieder in Sicht. Die Bebauung wurde dichter und schon rückte auch die Jahrtausendbrücke wieder heran. Unser Rundkurs auf der Havel um die Insel Brandenburg ging zu Ende. Eine wirklich empfehlenswerte Tour.

#Dagewesen: August 2018
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Ohne Frage, gibt es in sehr vielen Orten schöne Weihnachtsmärkte. Doch manche sind besonders. Der Adventsmarkt in der Marienkirche von Frankfurt (Oder) gehört in diese Kategorie. Er ist besonders festlich, besonders stimmungsvoll, besonders anheimelnd - einfach weihnachtlich. Dies gelingt ihm vor allem, weil er sich mit einer imposanten Hülle umgibt: den ehrwürdigen Mauern der St.-Marien-Kirche.



Im Chorraum vor den gotischen Fenstern ein prächtiger Weihnachtsbaum mit Krippe und lebenden Schafen. Die Gewölbe von farbigem Licht bestrahlt. In der ganzen Kirchenhalle, dicht aneinandergereiht zwischen den Stützpfeilern, die Verkaufsstände der Händler. Sie wirken klein zwischen den himmelan strebenden Säulen und machen deutlich, wie hoch und weit der Kirchenraum eigentlich ist.

Vom Chor aus erklingt festliche Bläsermusik, während wir uns anschauen, was die regionalen Anbieter, die Bauern, Handwerker und Künster, an Köstlichem, Dekorativem und Nützlichem zu bieten haben. Die Stände sind liebevoll gestaltet, jeder Blick empfiehlt sich als stimmungsvolles Fotomotiv. Es macht einfach Spaß, in diese einmalige Atmosphäre abzutauchen.



Ein paar Worte seien noch zur Marienkirche verloren. Mit ihrem Bau als Stadtkirche von Frankfurt (Oder) wurde Mitte des 13. Jahrhunderts begonnen. Sie wuchs mit der Stadt, wurde immer wieder erweitert, bis sie zum größten Kirchengebäude der norddeutschen Backsteingotik geworden war. Im Zweiten Weltkrieg wurden die Stadt und ihre Wahrzeichen zu großen Teilen zerstört. In ihrer wesentlichen Gestalt ist die eindrucksvolle Kirchenhalle heute wieder rekonstruiert. Ein Blick zum neuen Dach über den Säulen lässt erahnen, wie tief die Wunden waren. Der fehlende Südturm der Kirche ist übrigens kein Schaden des Krieges, er stürzte bereits im frühen 19. Jahrhundert ein und zog umfangreiche Arbeiten zur Sicherung des Gebäudes nach sich.



Nicht unerwähnt bleiben dürfen auch die berühmten Bleiglasfenster der Kirche und ihre Odyssee. Sie sind im 14. Jahrhundert entstanden, zeigen biblische Geschichten und wurden während des Krieges als kunsthistorischer Schatz in Sicherheit gebracht. Sie gelangten nach Potsdam, dann nach Berlin und schließlich als Beutekunst nach Leningrad (Sankt Petersburg), wo sie im Lager der Eremitage verschwanden und seitdem als verschollen galten. Erst in neuerer Zeit kehrten die drei Bleiglasfenster an ihren angestammten Platz im Chor der Marienkirche zurück.



Den Adventsmarkt gibt es seit über 20 Jahren und wir sind froh, dieses weihnachtliche Kleinod entdeckt zu haben. Er findet immer an zwei Adventswochenenden statt, ganz bestimmt auch im nächsten Jahr.

#Dagewesen: Dezember 2018
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Diesmal geht es nicht über Land, ich bleibe gewissermaßen zu Hause, in Potsdam. Zur Anreise genügte mir die Straßenbahn, ihr dürft sogar sitzen bleiben wo ihr seid. Ich nehme euch mit zur Schlösserrundfahrt aufs Deck eines Ausflugsschiffes der Weißen Flotte. Auf der Potsdamer Havel war ich schon oft unterwegs, mit dem Wassertaxi, mit dem Floß, mit dem Dampfer. Ich kenne Schwielowsee und Wannsee vor der Stadt, den Tiefen See und den Jungfernsee in der Stadt. Aber seltsamerweise gibt es nur sehr wenige Fotos davon. Nun endlich habe ich die Rundfahrt ausführlich dokumentiert. Also: Alle Mann an Bord.



Potsdam, das wird sich herumgesprochen haben, wird überall von der Havel umarmt. Mit dem Sacrow-Paretzer Kanal ist die Stadt sogar zur Insel geworden und kann mit dem Schiff umrundet werden. Der Reiz der Havelseen hatte es schon den preußischen Regenten angetan, und sie richteten viele ihrer Schlösser und Parks nach der Flusslandschaft aus. Das Schloss Sanssouci gehört nicht dazu, doch selbst dort sind die Teiche im Park mit der Havel verbunden und die Fontänen der Parkpromenade werden von einem als Moschee getarnten Pumpenhaus an der Neustädter Havelbucht gespeist. Doch genug der Vorrede, das Schiff legt im Hafen zu Füßen des ehemaligen Stadtschlosses ab und unterquert die Lange Brücke Richtung Freundschaftsinsel.



Die Schlösserrundfahrt führt vorbei an der Nuthemündung, dem Neubau am Standort der vom Krieg getilgten Heilig-Geist-Kirche, dem Beginn des ehemaligen Stadtkanals. Alles sehenswerte Stationen, doch um euch nicht mit einer Bilderflut zu langweilen, habe ich mich (durchaus schweren Herzens) für eine reduzierte Bildauswahl entschieden. Hier muss es genügen, euch Lust darauf zu machen, die Runde an einem schönen Tag selbst einmal zu drehen. Fahren wir also durch die Humboldtbrücke und stellen uns vor, wie auf der rechten Seite der Park Babelsberg vorbeizieht - der Flatowturm, die Gerichtslaube, das Matrosenhaus, die Fontäne, das Schloss - alles eingebettet in üppiges Grün. Dann wenden sich alle Blicke der Glienicker Brücke zu, dem Schauplatz der berühmten Agentenaustausche und Symbol der deutschen Teilung. Die Mitte der Glienicker Brücke markierte einst die streng bewachte Grenze nach Westberlin.



Wir orientieren uns weiter nach rechts und fahren vorbei am Schlossgarten Glienicke. Diese Uferseite war zu Zeiten der Berliner Mauer für Potsdamer bereits unerreichbar. Das Schloss Glienicke bleibt hinter Bäumen verborgen, umso stolzer präsentiert sich das Casino Glienicke, im Stil einer italienischen Villa errichtet und in strahlendem Weiß. Hinter dem Gasthaus Moorlake in einer kleinen Havelbucht bäumt sich der Uferwald zu ansehnlichen Hügeln auf. In den Hang gebaut ist das russische Blockhaus Nikolskoe zu sehen, das von der familiären Verbindung der Hohenzollern zum Zarenhof zeugt. Daneben steht die Kirche St. Peter und Paul, gleichsam abgelegen mitten im Wald - und entstanden auf Wunsch einer preußischen Prinzessin, die später einmal Zarin wurde und dort ein Glockenspiel wollte, das über die Havel bis zur Pfaueninsel klingt. Blickfang der Pfaueninsel ist das kleine weiße Schloss an seinem Ufer, das aus sentimentalen oder romantischen Gründen schon als Neubau wie eine Ruine wirken sollte - jedoch allen Ansprüchen seiner königlichen Nutzer genügte. Über die Pfaueninsel gäbe es noch viel zu erzählen, doch wir müssen uns damit begnügen, kurz die imposante Kulisse zu genießen. Das Schiff dreht bei und nimmt Kurs auf den Jungfernsee.



Wie ein festgemachtes Schiff steht die Sacrower Heilandskirche mit ihren schönen Arkadengängen direkt am Fluss. Wieder ein sehr italienisches Ensemble. Der freistehende Glockenturm - den man natürlich Campanile nennen muss - war fast 29 Jahre lang Bestandteil der Berliner Mauer und die Kirche selbst lag unerreichbar im Niemandsland. Mit der Restaurierung nach der Wende sind die Spuren der Verwahrlosung endlich verschwunden. Auch der Neue Garten, dem wir nun nahe kommen, endete lange nicht am Ufer, sondern an der Mauer. Eremitage und Muschelgrotte grenzen heute nur noch an der Havel und der Blick auf das Schloss Cecilienhof ist frei. Das Schloss im englischen Landhausstil wurde erst während des Ersten Weltkrieges als letztes Bauprojekt der Hohenzollern errichtet und war Schauplatz der Potsdamer Konferenz, auf der die Siegermächte des Zweiten Weltkrieges im Sommer 1945 über die Nachkriegsordnung entschieden.



In Höhe der Meierei, die vor Zeiten die Hofgesellschaft zu versorgen hatte und heute eine Brauereigasthaus ist, wird erneut gewendet und es geht auf dem Jungfernsee wieder zurück. Die Fahrgäste werden darauf aufmerksam gemacht, eine der schönsten Sichtachsen der Potsdamer Schlösserlandschaft nicht zu verpassen. Auf dem fahrenden Schiff öffnet sie sich nur einen kurzen Moment: Durch eine Lücke in den Parkbäumen kann man das Marmorpalais am Heiligen See erkennen, auf der entgegengesetzten Seite ist gleichzeitig das ferne Schloss der Pfaueninsel zu sehen. Doch wie gesagt, die gedachte Verbindung besteht nur für wenige Sekunden. Bei einem Spaziergang im Neuen Garten kann man sie auskosten, so lange man will. Wir nähern uns wieder der Glienicker Brücke, vorbei an der sehr skandinavisch anmutenden Kaiserlichen Matrosenstation Kongsnaes und der Villa Schöningen.



Hinter der Glienicker Brücke liegt das Schloss Babelsberg vor uns - eine Mischung aus englischer Gotik und mittelalterlicher Burgenromantik. Das Schloss, an dem Schinkel, Persius und Prinzessin Augusta ihre Spuren hinterlassen haben, und der Park, der von Lenné geplant und von Fürst Pückler vollendet wurde, sind unbedingt einen eigenen Besuch wert. Der Wunsch, das alles einmal aus der Nähe zu sehen, ist spätestens erwacht, wenn die Havelfontäne passiert ist. Kurz vor der Humboldtbrücke geht es vorbei am Kulturstandort Schiffbauergasse. Wie der Name erahnen lässt, wurde hier früher schwer gearbeitet, heute stehen keine Werft und keine Gasanstalt, sondern das Hans Otto Theater am Ufer. Die Potsdamer Innenstadt ist erreicht. Ein letzter Blick auf die Freundschaftsinsel und schon werden die Haltetaue zur Anlegestelle hinübergeworfen.

Mit der Schlösserrundfahrt lassen sich die wichtigsten Potsdamer Sehenswürdigkeiten am Wasser auf einen Streich entdecken. Ich hoffe, ihr habt Lust bekommen, die Fahrt auf der Havel einmal selbst zu erleben. Sie dauert nur 90 Minuten und lässt sich prima mit einem Sanssouci-Besuch verbinden. Erst ein paar Stunden durch die Parkwege schlendern und dann, die müden Beine ausgestreckt, ganz entspannt mit dem Schiff Schlösser und Landschaft schauen - am besten bei einem Glas Berliner Weiße mit Schuss.

#Dagewesen: Mai 2018
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