Es ist Karfreitag, wir wollen an die frische Luft und dabei größere Menschenmengen meiden. Wegen Corona wird vom Besuch beliebter Ausflugsziele abgeraten, kontaktarme Spaziergänge stehen hoch im Kurs. Wir fahren trotzdem zum Neuen Palais nach Sanssouci, denn wir haben nicht vor, der Mehrheit in den Park zu folgen, sondern werden ihnen den Rücken kehren und endlich einmal durch die Lindenallee schlendern.
Die Lindenallee ist so etwas wie die Verlängerung des Hauptweges von Park Sanssouci. Eine gedachte Linie führt schnurgerade von den Springbrunnen der Promenade im Park zur Freitreppe des Neuen Palais, mitten durch den Muschelsaal, über den Ehrenhof, durch den Triumphbogen und hinaus in die Landschaft. Die Linden markieren in strenger Ordnung eine scheinbar endlose Allee. In vier parallelen Reihen stehen die Bäume für drei Wege Spalier. Tatsächlich sind es gut zwei Kilometer, bis die Lindenallee kurz vor Golm in den Kuhforter Damm mündet. Doch zunächst ist das für uns nur ein kleiner Lichtpunkt am Ende der Sichtachse.
Vom Neuen Palais kommend, ist der Weg auf der rechten Seite als Radweg ausgebaut. Auf dieser Schnellpiste nach Eiche und Golm tummelt sich alles was Räder hat. Die mittlere Spur ist breiter als die beiden Seitenwege. Sie ist mit Gras bewachsen, doch vielleicht war sie einst die Hauptroute für die Kutschen der hochwohlgeborenen Gäste auf dem Weg zum Bankett im Schloss. Der dritte Weg, ganz links, wird vorzugsweise von Wanderern und Gassigängern genutzt. Auch er ist befestigt und macht das Abstandhalten leicht. Nach ein paar Sportanlagen der Uni Potsdam wird es waldig, dann öffnet sich der Blick. Hinter Wiesen und Feldern ist das Dorf Eiche zu sehen, auf der anderen Seite die Bahnstrecke, die nicht weit entfernt am Kaiserbahnhof Station macht. Hinter den Gleisen beginnt der große Wildpark.
Es ist ein schöner Spaziergang. Die Strenge der Allee löst sich in der Landschaft auf. Auf der Wiese grasen Pferde, hinter dem Kirchturm erhebt sich ein bewaldeter Hügel. Weiße Wolkenschäfchen ziehen über den blauen Himmel und dosieren den Sonnenschein. Schneeglöckchen, Winterlinge und Blausternchen blühen. Die Lindenknospen plustern sich, der Regionalexpress brummt vorbei.
Die Anfänge der Lindenallee gehen in die Bauzeit des Neuen Palais im 18. Jahrhunderts zurück. Gartendirektor Lenné hatte ursprünglich vor, den Schlosspark zu erweitern, doch es blieb bei einer kurzen Allee mit zwei Baumreihen, einigen Wegen und Hecken. Ab 1866 nahm sich Hofgärtner Sello der Sache an und schuf die Lindenallee in ihrer heutigen Länge und Gestalt. Dabei standen vor allem ästhetische Aspekte im Vordergrund. Die Parkelemente sollten allmählich in Äcker und Felder übergehen, der Blick von der Nähe in die Ferne, vom Detail zum Panorama gelenkt werden.
Die Lindenallee ist ein exemplarisches Beispiel für die gerühmte Potsdamer Kulturlandschaft. Künstlerisch gestaltete Flächen verbinden sich mit der sie umgebenden Landschaft und werden mit Sichtachsen inszeniert. Ich habe gelesen, die Allee habe eine große kultur- und gartenhistorische Bedeutung. Es gibt noch ein paar Dissonanzen, wie zum Beispiel die Zweckbauten und Sportflächen direkt hinter den Communs am Eingang zur Lindenallee, aber sie werden künftig sicher schrittweise gemildert. Somit leidet derzeit am Anfang das Parkgefühl, doch der Spaziergang wird immer angenehmer, je mehr Landschaft ins Spiel kommt.
Die Allee endet am Kuhforter Damm. Die Straße schneidet sie einfach ab. Links herum führt sie weiter nach Golm, rechts herum zum Bahnübergang. Es bietet sich an, für den Rückweg durch den hinter der Schranke beginnenden Wildpark zu wandern. Der Weg ist etwas länger, doch die Wanderung durch den königlichen Wald bis zum Kaiserbahnhof ist eine Attraktion für sich. Wir entscheiden uns dagegen, wollen in der Sonne bleiben, und erleben die Lindenallee noch einmal aus der reizvollen Perspektive, sich mit jedem Schritt dem Schloss zu nähern und die goldene Krone auf der kupfergrünen Kuppel des Neuen Palais zwischen den Zweigen von weitem im Sonnenlicht strahlen zu sehen. Apropos Zweige: Wir werden noch einmal wiederkommen, wenn die Linden Blätter tragen und mit ihren Wipfeln zum Dach über den Wegen werden.

Zeitstempel: April 2021
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Bad Freienwalde liegt im Oderland, nordöstlich von Berlin. Wer in den Kurort kommt, macht einen Besuch in den Bergen. Meist wird das, was in märkischen Landen Berg genannt wird, anderswo als Hügel belächelt. Doch in diesem Fall ist es anders. Bad Freienwalde liegt an der Kante von Barnim und Oderbruch. Der Barnim ist ein Plateau, das während der Eiszeit in mehreren Etappen aufgeschüttet wurde. Mit dem Schmelzen der Gletscher setzte die Erosion ein, nördlich bildete sich das Eberswalder Urstromtal, auf Berliner Seite spülte die Spree kräftig mit, im Osten schuf sich die Oder ein komfortables Bett. Was blieb, war die Hochfläche dazwischen: der Barnim, umgeben von Flussniederungen und Seenlandschaften. Bad Freienwalde liegt genau am Übergang, wo es vom Barnim-Plateau in das Oderbruch bis zu 160 Meter hinab geht. Mit schattigen Tälern, bewaldeten Berghängen und munteren Bächlein, die tatsächlich das Gefühl verbreiten, im Mittelgebirge zu sein. Was lag näher, als diese Region die Märkische Schweiz zu nennen.
Unser Rundgang durch die Stadt beginnt am Marktplatz. Die Kaisereiche ist von Verkaufswagen umstellt; vor dem Rathaus ein Brunnen, der in seiner Mitte eine badende Schönheit auf einer Säule trägt; daneben die Stadtkirche, erbaut in Backsteingotik mit spitzem Turm. Alles in allem ein typisches Ortszentrum, das einen guten ersten Eindruck machte.
Ein Hinweisschild gibt uns einen Wink: Hier entlang zum Ruinenberg. Wir folgen, denn ein wenig Überblick kann nicht schaden. Eine schmale Treppe, eher eine Gasse mit Stufen, führt steil den Hang hinauf. Nun wissen auch unsere Waden, dass hier Berge sind. Die Ruine ist ein Podest aus Feldsteinen, eine gemauerte Treppe führt zur Aussichtsplattform hinauf. Von hier gibt es einen freien Blick ins Land, über die Dächer der Stadt hinweg und weit ins Oderbruch. Ein Platz zum Durchatmen. Bad Freienwalde liegt uns zu Füßen, das Zentrum ist überschaubar und macht Lust auf den weiteren Spaziergang.
Vom Marktplatz geht es in die Königstraße, offenkundig die Hauptgeschäftsstraße. Läden, Bebauung und Ambiente sind wie in vielen anderen märkischen Kleinstädten: gepflegt, jedoch unspektakulär. Wegen der Corona-Einschränkungen fehlt es außerdem an Leben, was jede Einkaufsstraße zwangsläufig trostlos macht.
Blickfang der Straße ist die Konzerthalle St. Georg. Ein adretter Fachwerkbau mit schwarzen Balken und weiß verputzten Mauern, mit rotem Ziegeldach und einem schiefergedeckten Uhrentürmchen. Die Form verrät sofort, dass die Halle einst als Kirche gebaut wurde. Das war vor über 300 Jahren und geschah auf den Fundamenten einer Kapelle aus dem 14. Jahrhundert.
Ein paar Schritte weiter geht es schon auf das Schloss zu. Das Schloss entspricht im Grunde einer repräsentativen Villa ohne besonderen architektonischen Reiz. Es wurde 1799 gebaut und nur wenige Jahre wirklich bewohnt. Das Gebäude glänzt nicht aus sich selbst, sondern durch die Landschaft drum herum. Der umgebende Park liegt an einem Hang und wurde, wie nachzulesen ist, von Lenné gestaltet. Vermutlich wird er sich im Frühling in eine Schönheit verwandelt. Bei unserem Besuch liegt er noch in schmuckloser Winterstarre und die nahe Bundesstraße drängelt sich in den Vordergrund. Historisch interessant ist das Schloss als Gedenkort, weil es seit Anfang des 20. Jahrhunderts dem Politiker Walter Rathenau gehörte, der 1922 Außenminister Deutschlands und wenige Monate später durch ein Attentat ermordet wurde.
Unter der monströsen Hochstraße für die B158 hindurch geht es auf den Kurpark zu. Bad Freienwalde ist nicht nur schon seit Jahrhunderten Kurort, sondern war immer auch bei der besseren Gesellschaft, vor allem aus Berlin, beliebt. Davon zeugen die einst vornehmen und heute sorgsam restaurierten Villen und Pensionen entlang der Gesundbrunnenstraße. Sie erinnern an die Architektur der Kaiserbäder an der Ostsee.
Wir kommen zum Fontane-Denkmal. Fontane hat nicht nur viel über Bad Freienwalde geschrieben, er hatte auch eine enge Verbindung zur Stadt und zur Region. Im nahen Schiffmühle verbrachte sein Vater seine letzten Lebensjahre und er besuchte ihn oft. Hier, am Beginn des Gesundbrunnentals, hat der Dichter Fontane ein stattliches Denkmal bekommen. Ich versuche, es auf einem Foto vorteilhaft in Szene zu setzen, doch der Bildhintergrund will mir einfach nicht gefallen. Auf der einen Seite eine spröde Straßenkreuzung, in die andere Richtung ein verkramter Hinterhof. Schade, dass die Büsche und Bäume noch keine Blätter tragen.
Das Tal wird schmaler, der Berg höher. Schließlich weitet sich, inmitten bewaldeter Hänge, das Rund eines Talkessels. Am Eingang zum Kurpark steht die Papenmühle und spiegelt ihre herrschaftliche Fassade in einem idyllischen See. Um die in schöner Harmonie arrangierten Bäume, Wasserläufe und Wege hat sich auch hier General-Gartendirektor Lenné gekümmert. Der Kurort Bad Freienwalde steht in dem Ruf, das älteste Heil- und Moorbad der Mark Brandenburg zu sein. Die „Kurfürstenquelle“, die hier entspringt, wurde 1683 entdeckt und schon bald schrieb man ihr heilende Wirkung zu. Der Anstoß der Entwicklung zur Kurstadt war gegeben. Heute steht hier eine Fachklinik, in der orthopädische und rheumatische Erkrankungen therapiert werden.
Durch eine schmale Schlucht geht es noch ein Stück tiefer in den Wald. Zum Stadion. Hier gibt es etwas für diese Gegend völlig Überraschendes: eine Sprungschanze von stattlicher Größe. Wir sind im nördlichsten Skisprungzentrum Deutschlands, das es hier bereits seit 1930 gibt. Der Olympiasieger von 1936, lässt sich in Erfahrung bringen, hieß Birger Ruud, war Norweger und trainierte hier für seinen olympischen Triumph. Erstaunlich. Wer hätte so etwas im Oderland erwartet?
Für unseren Weg zurück in die Stadt wechseln wir auf die andere Talseite und spazieren am Waldrand entlang. Jetzt bekommen wir Lust, irgendwo einzukehren. Schön sitzen, lecker essen, das wäre es. Doch es sind Corona-Zeiten. Alle Restaurants zu, die Möglichkeiten begrenzt. Wir holen uns Döner und wickeln ihn 50 Meter weiter wieder aus der Folie, auf einer Bank, in einer kleinen Grünanlage, direkt neben der vielspurigen Abfahrt von der Bundesstraße. Während wir kauen und die Wasserflasche zischen lassen, fällt unser Blick auf einen Aussichtsturm, der in einiger Entfernung aus den Baumwipfeln ragt. Ich schlage nach - es ist der Turm auf dem Galgenberg. Er sieht einladend aus, doch bestimmt ist er ohnehin geschlossen. Im Stadtgebiet gibt es insgesamt vier Aussichtstürme, doch sie alle zu entdecken, ist eine Herausforderung für sich. Wir haben heute nahezu 15.000 Schritte auf dem Zähler und keinen Bedarf für weitere Bergwertungen.
Als wir wieder im Auto sitzen fragen wir uns, wie weit es eigentlich bis zur Oder ist. Früher kam der Fluss bis an die Stadtgrenze und das Oderland war ein sumpfiges Feuchtgebiet mit regelmäßigen Überschwemmungen. Der alte Fritz (Friedrich der Große von Preußen) veranlasste, das Oderbruch trocken zu legen. Der Flusslauf wurde begradigt, eingedeicht und  fruchtbares Ackerland gewonnen. Über die Alte Oder ist Bad Freienwalde weiterhin mit dem Fluss verbunden, doch fließt er jetzt rund sechs Kilometer entfernt, hinter dem Deich von Hohensaaten. Natürlich schauen wir für einen kurzen Abstecher dort vorbei, bevor es wieder heimwärts geht. 

Zeitstempel: März 2021
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Wir waren schon in Gransee. Im Sommer letzten Jahres hatten wir bei einem Tagesausflug die Altstadt erkundet und, immer die Stadtmauer entlang, umrundet. Wir sind interessanten Geschichten und Sehenswürdigkeiten begegnet, um die es heute aber nicht gehen soll. Vielmehr beschlich mich seinerzeit, einige Tage nach unserem Besuch, das Gefühl, etwas verpasst zu haben. Ich nahm nämlich Fontanes "Wanderungen durch die Mark" aus dem Regal und wollte nachlesen, wie er Gransee damals erlebt hat. Fontane hatte sich der Stadt von Ruppin her genähert und zuerst an einem mittelalterlichen Wartturm Station gemacht, über den er einiges Legendäre zu berichten wusste. Das waren unterhaltsame Zeilen und natürlich dachte ich: Schade, dass wir uns den Turm nicht angeschaut haben. Als wir dieser Tage in der Nähe waren, war dieser Gedanke wieder da und wir ließen uns von Google den Weg für einen kurzen Abstecher weisen.
Von der B96 in die Oranienburger Straße, auf die Stadtmitte zu, dann in den Meeseberger Weg und weiter bis zur Oberhavel Klinik. Ich fand schon seltsam, keinen touristischen Wegweisern zu begegnen. Ein winziges Schild am Parkplatz der Klinik war der einzige Hinweis. Von hier ging es zu Fuß weiter, einen bewaldeten Hügel hinauf und schon nach wenigen Schritten sahen wir den Wartturm. Fontane hatte geschrieben, er sei einem Fabrikschlot nicht unähnlich. Jetzt verstand ich, was er meinte. Der Turm ist überraschend schlank, etwa 15 Meter hoch, hat markante Backsteinrippen und ist ansonsten aus Feldsteinen gebaut. Im Inneren verläuft eine schmale Wendeltreppe nach oben. Ein schlichter, funktioneller Bau und über 600 Jahre alt. Zugegeben, keine Schönheit. Doch wie beiläufig er hier in Nachbarschaft zum Wasserwerk sein Dasein fristet, finde ich schon seltsam. Nicht einmal eine kleine Infotafel gibt es. Sie könnte davon erzählen, wie dereinst Wächter auf dem Beobachtungsturm nach rauflustigen Adligen, räuberischen Ritterbanden und anderen Bedrohungen für die Stadt Ausschau hielten und mit einem Hornsignal nach Gransee meldeten, wenn es galt, die Tore zu verschließen. Die Zeiten waren unsicher damals, die Grenze zu Mecklenburg nah. Vermutlich führte unweit des Wartturms ein Handelsweg vorbei, von Lindow kommend direkt auf das Ruppiner Tor zu. Es braucht etwas Fantasie, sich diese Szenerie vorzustellen. Heute verlaufen die Verkehrswege woanders und der Standort des Turmes wirkt abgelegen.
Die Aussichtsplattform oben im Wartturm kann nur sehr klein sein. Auf ihr saßen im Jahr 1348, so behauptet die Legende, der Stadtwächter Mathis und der Räuber Hans Lüddecke. Sie sollten sich im Kampf einem Gottesurteil stellen und wurden dabei von den Granseern vom Fuße des Turmes aus beobachtet. Fontane erzählt diese Begebenheit und bezieht sich dabei auf den Dichter Willibald Alexis, der in seinem Roman "Der falsche Waldemar" der Legende ein literarisches Denkmal gesetzt hat. Kurz gefasst geht die Geschichte so: Räuber Hans und seine Kumpane wollen Gransee erobern und ersinnen eine List, den Wachmann im Turm außer Gefecht zu setzen. Der ein wenig von Langeweile geplagte Stadtwächter Mathis tappt in die Falle - genauer gesagt, blickt zu tief in den Weinbecher und schläft danach seinen Rausch aus. Ohne Vorwarnung fallen die Angreifer über die Stadt her, doch den Verteidigern gelingt es, die Räuber abzuwehren und sogar ihren Anführer Hans gefangen zu nehmen. Ein Gericht der Stadt verurteilt den räuberischen Hans und den pflichtvergessenen Mathis zum Tode. Doch es gibt ein Zugeständnis: Bei einem Ringkampf auf der Plattform des Turmes soll Gott entscheiden, wer von beiden in den Tod stürzen und wer frei weiterleben wird. Aber statt miteinander zu kämpfen, sitzen Hans und Mathis mit den Vorräten aus dem Turm friedlich beisammen. Sie denken nicht einmal daran, zu kämpfen. Fünf Tage warten die Granseer vor dem Turm. Da kommt plötzlich mit großem Gefolge Waldemar daher, der Markgraf von Brandenburg.
Natürlich nahm die Geschichte von hier an eine Wendung: Alle Aufmerksamkeit wandte sich dem hohen Besuch zu. Markgraf Waldemar nahm sich der Sache an und ließ Gnade walten. Weder Hans noch Mathis mussten sterben. Unter dem Jubel der Bürgerschaft zog der Landesfürst durch das Ruppiner Tor in die Stadt. Wenig später stellte sich heraus, dass der vermeintliche Markgraf Waldemar ein Hochstapler war. Der falsche Waldemar wurde abgesetzt und der Stadt Gransee auferlegt, als Sühne, den falschen Waldemar mit allen Ehren empfangen zu haben, das Stadttor zu vermauern. Aber hier sind wir schon auf der nächsten Seite einer ganz anderen Geschichte ...
Die Jahrhunderte haben historische Ereignisse und volkstümliche Fabulierlust frisch durcheinandergewürfelt. Es ist auch völlig unerheblich, welchen Wahrheitsgehalt diese Überlieferungen haben. Fakt ist, dass, wer diese Legende kennt, anders zur Turmspitze empor und zu den Kirchtürmen der Stadt hinüber schaut. Der Wartturm ist wahrlich kein spektakulärer Bau, doch wurde von ihm bereits ins Land geblickt, lange bevor die Stadtkirche in Gransee überhaupt Türme hatte.

Wie gesagt, es ist bedauerlich, dass der Wartturm seinen Besuchern so wenig von sich erzählen darf. Einzig die Denkmalplakette neben der Tür weist ihn als ein Bauwerk mit Geschichte aus. Da ließe sich mehr draus machen. Er ist einer der Letzten seiner Art im Brandenburger Land und ich wünsche ihm wenigstens eine klitzekleine Infotafel. Eine Bank gegenüber der Treppe gibt es bereits. Von ihr aus kann man nach oben zur Turmspitze schauen und darauf warten, dass Stadtwächter Mathis herunterwinkt.

Zeitstempel: März 2021
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Draußen ist richtig Winter. Das passiert in unseren Breiten nicht zwingend jedes Jahr. Es hat reichlich geschneit, die Temperaturen fielen in den letzten Nächten stets auf zweistellige Minuswerte, der Himmel ist klar und wolkenlos: Postkarten-Winterwetter. Diesen schönen Sonntag wollen wir für einen Spaziergang nutzen.
Wir fahren nach Phöben. Das Dorf gehört zu Werder (Havel) und hat eine eigene Autobahnabfahrt direkt vor der Havelbrücke der A10. Die Hauptgründe, den Ort für einen Winterspaziergang zu besuchen, sind jedoch der bewaldete Wachtelberg und der nahe Fluss. Hier lässt sich der Winterzauber aus den verschiedensten Perspektiven erleben.
Von der Dorfmitte aus laufen wir den Wachtelberg hinauf, vorbei am Sendeturm auf seinem Gipfel geht es in den Wald. Wir begegnen vielen Familien, die zum Rodeln unterwegs sind. Kinderlachen hallt durch die Baumreihen, die Eltern zotteln mit dem Schlitten hügelan. Wir folgen einer der Rodeltrassen bis hinunter zum Waldrand. Hier geht der Blick über verschneite Pferdekoppeln. Den Wegmarkierungen für Wanderer folgend, trotten wir einen Weinberg hinauf. Phöbener Wachtelberg heißt der Tropfen aus den Reben, die hier auf den nächsten Jahrgang warten.
Wieder geht es einen Hügel hinab und querfeldein zur Straße zurück. Jetzt gehen wir zu den Havelwiesen hinüber. Dorf und Fluss kommen sich hier sehr nahe. Die Havel ist zugefroren und scheinbar hält das Eis. Es ist mehr als ein Anschein: Viele Leute tummeln sich auf dem Eis, sind mit Schlitten und Schlittschuhen unterwegs. Wir sind skeptisch. So sehr viele Nächte mit klirrendem Frost waren es eigentlich noch nicht. Doch offenbar funktioniert es. Ganze Menschengruppen stehen auf einem Fleck zusammen. Überall sind Kufenspuren in der dünnen Schneedecke zu sehen. Also wagen wir uns auch ein paar Schritte vom Ufer hinaus auf den Fluss. Von dem böigen Wind, der hier über die weite Fläche huscht, war im Schutz des Waldes nichts zu merken. Jetzt sind wir dankbar, unsere dicken Winterjacken anzuhaben.
Ein schöner Sonntag im Schnee und auf dem Eis. Ich habe einige Impressionen davon gesammelt, weil es ihn in dieser Perfektion so schnell nicht wieder geben wird. Wahrscheinlich. Zumindest in diesem Winter. Wer weiß …

Zeitstempel: Februar 2021
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Wir haben Schnee in Potsdam, die Sonne scheint und es ist Sonntag. Was liegt näher als ein Spaziergang im Wald? Im Wildpark waren wir lange nicht. Wir beginnen unsere Runde am Forsthaus Sanssouci-Tor gegenüber dem Kaiserbahnhof, wo die Hirschskulpturen den Eingang bewachen, und schlendern auf das große Wegekreuz zu. Hinter dem Forsthaus ist einiges los, doch im Wegegeflecht des Wildparks zerstreuen sich die Besucher schnell. Die Familien haben Schlitten für die Kinder dabei, einige Leute sind mit Langlaufskiern unterwegs, doch die Spaziergänger wie wir überwiegen. Alle erfreuen sich an der Winterwelt, die heute besonders glänzt, weil der frisch gefallene Schnee sehr feucht ist und kleidsam an den Zweigen klebt. Sonne und Brise machen sich den Spaß, hin und wieder einen Schneeklumpen aus dem Geäst auf den Weg schubsen. Manchmal gibt es dort sogar eine Schulter zu treffen.
Vor uns liegt das Wegekreuz, der zentrale Punkt des Wildparks, an dem alle wichtigen Wege sternförmig zusammenlaufen. Dort steht, weithin sichtbar, ein großer Futterschirm. Er wurde einst von der Pfaueninsel hierhergeholt, um mit ihm die Mitte des Wegesterns zu markieren. Hofgärtner Peter Joseph Lenné war ab 1840 mit dabei, als aus dem Wald ein Wildgehege wurde, der auch Elemente eines Parks aufweisen sollte. Es galt einen königlichen Wald, ein Jagdrevier, den Wildpark zu gestalten. Futterschirm erweist sich bis heute als gute Idee. Auf den zentralen Wegen ist er schon aus der Ferne zu erkennen und dient als nützliche Orientierung im Wegegeflecht.
Interessant zu wissen ist auch, dass der Wildpark einst hunderte Hektar groß war und komplett von einem 12 Kilometer langen Zaun umgeben war. Innerhalb des Geheges wurde Rot- und Damwild gehalten. Für die Hege, Pflege und Fütterung des Wildbestandes und für die Jagden des königlichen Hofes wurden im Wildpark einige Gebäude, wie die Wildmeisterei und die Forsthäuser, errichtet. So wurde immer für einen reichlichen Wildbestand gesorgt, was dem weidmännischen Stolz der herrschaftlichen Schützen auf ihre Jagderfolge keinen Abbruch tat. Einige Gedenksteine an den Wegen zeugen davon. Ein Beispiel gibt auf dem Foto zu sehen, leider ist die Inschrift nicht sehr leserlich. Sie lautet: „Se. M. Der Kaiser Wilhelm I. erlegte hier einen weißen Edelhirsch von 12 Enden am 11. August 1884“. Der letzte Edelhirsch im Wildpark wurde nur ein Jahr später geschossen, danach neigte sich die große Zeit als Jagdgehehe dem Ende.
Eine weitere einschneidende Veränderung brachten die ausgehenden 50er Jahr des letzten Jahrhunderts. Mit der Errichtung des Eisenbahnringes um Berlin wurde eine Bahnlinie mitten durch den Wildpark gelegt. Früher war der Wildpark eine bis nach Geltow reichende, zusammenhängende Waldfläche.
Das alles muss man für einen Spaziergang durch den Wildpark nicht wissen. Es genügt, die Natur, die Waldluft und die Schönheit einer gestalteten Kulturlandschaft zu genießen. Und doch macht es Spaß, die eine oder andere Spur der Geschichte deuten zu können. Am Ende unserer Runde durch den Schnee stehen wir wieder vor den beiden Edelhirschen auf den Sockeln des Sanssouci-Tores. Auch sie sind echte Kunstwerke mit Geschichte: Der berühmte Bildhauer Christian Daniel Rauch hat sie geschaffen. Nach 1945 wurden sie von der Roten Armee abgebaut und in ihr militärisches Hauptquartier nach Wünsdorf gebracht. Erst 2006 kehrten die Hirsche wieder an ihren angestammten Platz am Wildpark zurück.

Zeitstempel: Januar 2021
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Im Winter 2018 zog sich klirrende Winterkälte bis in den März. Viele Tage lang sanken die Nachtfröste unter -10 Grad und ließen Flüsse und Seen erstarren. Weil Niederschläge ausblieben, entstanden spiegelglatte Flächen. Schnell hatten schlitternde Kinder und Schlittschuhläufer das Eis erobert. Am ersten Märzwochenende wollten wir deshalb auch herausfinden, ob die Havel uns trug. Wo könnte ein Winterspaziergang am Fluss zu einem schönen Ausflug werden? In Caputh, dort waren wir lange nicht.
Caputh liegt südwestlich von Potsdam, wo die Havel sich aus dem Templiner See durch eine Engstelle in den Schwielowsee ergießt. Caputh ist bekannt durch Einsteins Sommerhaus, das kurfürstliche Schloss, die Fähre, das Strandbad und vieles mehr. Doch um die Sehenswürdigkeiten des Ortes soll es hier nicht gehen. Diesmal gehörte alle Aufmerksamkeit dem Fluss, dem Winter und der Kälte.
Das Schloss Caputh grenzt mit seinem kleinen Park direkt an das Havelufer, gleich daneben gibt es eine Anlegestelle für Ausflugsdampfer und ein Parkplatz ist auch nicht weit. Noch mit der Wärme aus dem Auto unter den Jacken spazierten wir durch die in Eisstarre gefangene Natur.
Es passiert nicht oft, die Havel so gefroren zu erleben, dass man mehr als den Uferstreifen betreten kann. Und auch dann ist Vorsicht geboten, handelt es sich doch um ein fließendes Gewässer, das mit Strömungen und unsichtbaren Zuflüssen jederzeit für eine Überraschung sorgen kann. Obwohl in der Ferne offene Wasserflächen sichtbar waren und stattliche Risse das Eis durchzogen, hatten sich einige Eisläufer auf die Havel gewagt und drehten, weitab vom rettenden Ufer, ihre Runden. Wir blieben zaghaft und begnügten uns damit, die bizarren Vereisungen im Schilf und in den Uferbüschen zu bewundern. Weil es keinen Schnee gab, konnte die klare Frostluft als Eiskünstler brillieren.
Eine Familie, die Schlittschuhe der Kinder noch unter dem Arm, stand unschlüssig auf dem Steg. Ein einheimischer Spaziergänger sah das Zögern der Ausflügler, blieb stehen und riet davon ab, es hier auf Kufen zu versuchen. Er empfahl, lieber auf den Caputher See zu wechseln, nur wenige Gehminuten entfernt, gleich auf der anderen Seite des Ortes. Dort sei das Eis freigegeben. Natürlich gingen wir auch dorthin. Auf dem See herrschte munteres Treiben. Hier konnte das Eis sorglos betreten werden und es wurde emsig davon Gebrauch gemacht. Es wurde Eishockey gespielt, Schlittschuh gelaufen, Kinder und Hunde tobten umher. Hier blieben wir, bis der Frost uns in die Nasen zwickte.
Ich gebe zu, das ist kein spektakulärer Bericht und über den Ort Caputh gibt es viel mehr zu erzählen. Das werde ich bei einem Besuch in einer anderen Jahreszeit nachholen. Heute wollte ich euch vor allem ein paar eiskalte Bilder zeigen. Wann gibt es schon Gelegenheit dazu?


Zeitstempel: März 2018
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Die Bauten auf dem Teufelsberg sind in Berlin weithin sichtbar. Weiße, wie Champignonköpfe anmutende Kuppeln recken sich auf seinem Gipfel aus dem Wald, leuchten in der Sonne, wirken geheimnisvoll. Ich wollte schon immer einmal dorthin. Ich wusste, die Anlage war im Kalten Krieg eine amerikanische Abhörstation und kürzlich hatte ich gelesen, sie sei nach einigen gescheiterten Versuchen der Nachnutzung endlich unter Denkmalschutz gestellt worden. Was ich nicht wusste war, ob man das Gelände betreten konnte. Am ersten frühlingsmilden Februartag schauten wir uns die Sache aus der Nähe an.
Wir waren zu spät oder zu früh, wie man es nimmt. Es gab eine Zeit, da durften Besucher einen der Türme als Aussichtsplattform nutzen. Es soll eine Zeit kommen, in der sich das Denkmal in eine museale Attraktion verwandelt. Jetzt, in der Zeit dazwischen, sieht man viele Spuren von Verfall. Große Teile der Anlage sind aus Sicherheitsgründen gesperrt und der spektakuläre Blick über die Stadt ist nur als Foto zu haben. Es empfiehlt sich, Interesse mitzubringen - für die Geschichte des Ortes oder zumindest für Graffitis.
Der Teufelsberg liegt am Rand des Grunewalds, unweit vom Teufelssee, der ihm von seinem Namen abgegeben hat. Er ist keine natürliche Erhebung, sondern wurde nach dem Krieg aus Trümmern aufgeschüttet, die aus dem zerbombten Charlottenburg und Wilmersdorf hierher gekarrt wurden, bis der zweitgrößte Berg Berlins entstanden war. Mit großem Aufwand verwandelte sich der Schutthaufen in einen Wald zur Naherholung. Es gab Wintersport und bis heute sind seine Hänge eine der ersten Adressen für Berliner Mountainbiker.
Die US-Armee reservierte sich den Gipfel als Standort für eine Abhöranlage. Sie installierte Technik zur Überwachung des Luftraums und belauschte von hier aus bis zum Ende des Kalten Krieges den Funkverkehr im Ostblock und vor allem den der sowjetischen Streitkräfte rings um Berlin. Nach der Wende und dem Abzug der Amerikaner diente die Radaranlage noch einige Jahre der Flugsicherung, um nach der Jahrtausendwende in einen Dornröschenschlaf zu fallen. Es gab einige Versuche, das Gelände wieder wach zu küssen, doch keiner hatte Erfolg. Inzwischen setzten der Zahn der Zeit und Vandalismus den Bauten gewaltig zu.
Trotz dieser widrigen Umstände entwickelte sich der Teufelsberg zu einem Ausflugsziel. Das desolate Ambiente hat tatsächlich Anziehungskraft. Es gibt eine informative Ausstellung zur Geschichte des Ortes und regelmäßige Führungen. Leider war bei unserem Besuch die Plattform zwischen den Radarkuppeln für Besucher gesperrt. Angesichts der maroden Bauten eine verständliche Sicherheitsmaßnahme. Einen wirklichen Aussichtspunkt für einen Blick über die Stadt gab es deshalb nicht, doch konnte das weitläufige Gelände bei einem Spaziergang erkundet werden. Der Eintrittspreis war somit gerechtfertigt und wird hoffentlich einen kleinen Beitrag für die dringend nötigen Erhaltungsarbeiten leisten.
Viele Künstler sorgen dafür, dass die ehemalige Radarstation nicht nur wie eine Ruine aussieht. Jede erreichbare Fläche ist mit Graffitis dekoriert und allerorten finden sich Kunstobjekte. Es heißt, der Teufelsberg sei die größte und höchstgelegene Street Art Galerie Europas. Abseits dieser Superlative ist er in jedem Fall ein Stück unverwechselbares Berlin mit dem ganzen Bauchladen der typischen Attribute: experimentierfreudig, geschichtsbeladen, kreativ, verschlissen, unkonventionell ... 
Unser Besuch auf dem Teufelsberg war anders als erwartet. Die ehemalige Abhörstation gibt es nur noch als Fragment, die Hinterlassenschaften werden von frischen Farben überwuchert, von neuen Sichtweisen in Besitz genommen. Und doch haben wir interessante Stunden hier verbracht. Wie gesagt, es fühlte sich an, als wären wir dem Ort in einer Zwischenzeit begegnet, zwischen nicht mehr und noch nicht. Wir werden noch einmal wiederkommen, wenn sich das Denkmal gefunden hat.


Zeitstempel: Februar 2019
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