Ohne Frage, gibt es in sehr vielen Orten schöne Weihnachtsmärkte. Doch manche sind besonders. Der Adventsmarkt in der Marienkirche von Frankfurt (Oder) gehört in diese Kategorie. Er ist besonders festlich, besonders stimmungsvoll, besonders anheimelnd - einfach weihnachtlich. Dies gelingt ihm vor allem, weil er sich mit einer imposanten Hülle umgibt: den ehrwürdigen Mauern der St.-Marien-Kirche.



Im Chorraum vor den gotischen Fenstern ein prächtiger Weihnachtsbaum mit Krippe und lebenden Schafen. Die Gewölbe von farbigem Licht bestrahlt. In der ganzen Kirchenhalle, dicht aneinandergereiht zwischen den Stützpfeilern, die Verkaufsstände der Händler. Sie wirken klein zwischen den himmelan strebenden Säulen und machen deutlich, wie hoch und weit der Kirchenraum eigentlich ist.

Vom Chor aus erklingt festliche Bläsermusik, während wir uns anschauen, was die regionalen Anbieter, die Bauern, Handwerker und Künster, an Köstlichem, Dekorativem und Nützlichem zu bieten haben. Die Stände sind liebevoll gestaltet, jeder Blick empfiehlt sich als stimmungsvolles Fotomotiv. Es macht einfach Spaß, in diese einmalige Atmosphäre abzutauchen.



Ein paar Worte seien noch zur Marienkirche verloren. Mit ihrem Bau als Stadtkirche von Frankfurt (Oder) wurde Mitte des 13. Jahrhunderts begonnen. Sie wuchs mit der Stadt, wurde immer wieder erweitert, bis sie zum größten Kirchengebäude der norddeutschen Backsteingotik geworden war. Im Zweiten Weltkrieg wurden die Stadt und ihre Wahrzeichen zu großen Teilen zerstört. In ihrer wesentlichen Gestalt ist die eindrucksvolle Kirchenhalle heute wieder rekonstruiert. Ein Blick zum neuen Dach über den Säulen lässt erahnen, wie tief die Wunden waren. Der fehlende Südturm der Kirche ist übrigens kein Schaden des Krieges, er stürzte bereits im frühen 19. Jahrhundert ein und zog umfangreiche Arbeiten zur Sicherung des Gebäudes nach sich.



Nicht unerwähnt bleiben dürfen auch die berühmten Bleiglasfenster der Kirche und ihre Odyssee. Sie sind im 14. Jahrhundert entstanden, zeigen biblische Geschichten und wurden während des Krieges als kunsthistorischer Schatz in Sicherheit gebracht. Sie gelangten nach Potsdam, dann nach Berlin und schließlich als Beutekunst nach Leningrad (Sankt Petersburg), wo sie im Lager der Eremitage verschwanden und seitdem als verschollen galten. Erst in neuerer Zeit kehrten die drei Bleiglasfenster an ihren angestammten Platz im Chor der Marienkirche zurück.



Den Adventsmarkt gibt es seit über 20 Jahren und wir sind froh, dieses weihnachtliche Kleinod entdeckt zu haben. Er findet immer an zwei Adventswochenenden statt, ganz bestimmt auch im nächsten Jahr.

#Dagewesen: Dezember 2018

Das Kloster Lehnin ist ein universell gültiger Ausflugstipp. Im Evangelischen Krankenhaus auf dem Klostergelände bin ich geboren und in einem Dorf der weiteren Umgebung, das einst von den hiesigen Zisterziensermönchen gegründet wurde, aufgewachsen. Ich war immer wieder hier und empfehle allen, die sich für brandenburgische Geschichte interessieren, einen Besuch.



Über 800 Jahre ist es her, als in der Zauche, rings um das heutige Lehnin, in ausgedehnten Wäldern heidnische Slawen lebten. Hier ging Markgraf Otto I. von Brandenburg auf die Jagd und verausgabte sich dabei so sehr, dass er ein Nickerchen brauchte und sich dafür unter eine Eiche legte. Im Traum sah er sich von einem Hirsch bedroht, der ihn mit seinem Geweih attackierte und dem er sich nur mit Mühe und göttlichem Beistand erwehren konnte. Das ist ein Zeichen, meinten seine Jagdgefährten und schlugen vor, an dieser Stelle eine wehrhafte Burg zu errichten. Otto I. entschied jedoch, hier ein Kloster bauen zu lassen.

Das ist die Gründungslegende des Klosters Lehnin, die auch Fontane für die Nachwelt festgehalten hat. Ab dem Jahr 1180 begannen die Zisterzienser das erste Kloster der Mark Brandenburg im romanischen Stil zu errichten. Hundert Jahre später wurde der Backsteinbau mit einem frühgotischen Kirchenschiff beendet. In die Treppenstufen zum Chorraum der Klosterkirche wurde ein versteinerter Eichenstamm eingefügt und markiert bis heute möglicherweise die Stelle, an der der Markgraf sich einst Schlafen legte.



Das Kloster Lehnin ist ein zentraler Ort für die Geschichte Brandenburgs. Von hier aus wurde missioniert und urbar gemacht, die bekannten Klöster Chorin und Himmelfort wurden von den Zisterziensern aus Lehnin gegründet. Dass die Basilika und einige Klostergebäude heute wieder besucht werden können, ist dem restauratorischen Eifer im 19. Jahrhundert zu verdanken, als mit großem Aufwand die Klosterkirche Lehnin nach historischem Vorbild wieder aufgebaut wurde. Denn lange Zeit war die gesamte Anlage zur Ruine geworden. Während der Reformation wurde das Kloster aufgelöst, der Dreißigjährige Krieg brachte Plünderung und Verwüstung.



Seit gut 100 Jahren wird das Klosterareal in Lehnin von der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg genutzt. Die Klosterkirche kann besichtigt werden und es gibt ein kleines Museum, das vom Leben seit der Zisterzienserzeit erzählt. Von der Kirche aus führt ein schöner Spazierweg zu einer Allee mit alten Bäumen, den Emsterkanal entlang gelangt man bis an das Ufer des Klostersees. Auf einer der idyllisch platzierten Bänke sollte man sich kurz setzen, die Augen schließen und sich vorstellen, wie ein Hirsch über die Wiesen springt.

#Dagewesen: November 2018

Brandenburg ist eine schöne Stadt. So uneingeschränkt galt dieser Satz für mich nicht immer. Ich kann mich noch an Zeiten erinnern, da war die Stadt vor allem Industrie und sah aus wie eine vernachlässigte Werkbank. In den letzten Jahren wurde kräftig Staub gewischt, aufpoliert und erneuert. Heute gibt es viele herausgeputzte Ecken und immer noch ist die Stadt dabei, sich neu zu erfinden. Wir sind oft hier und fanden eines Tages, es sei höchste Zeit, Brandenburg auch einmal von der Havel aus zu entdecken.



Der Schiffsanleger befindet sich zentral an der Jahrtausendbrücke. Sie erhielt ihren Namen anlässlich ihrer Einweihung 1929 im Umfeld der Tausendjahrfeier Brandenburgs. In den neunziger Jahren bekam sie eine komplett neue Gestalt, der Name jedoch blieb. Wer Brandenburg kennt, kennt auch die Jahrtausendbrücke und die Treppe, die zur Havel und zu den Anlegestellen führt. Von hier aus machten wir uns auf dem vollbesetzten Aussichtsdeck mit dem Dampfer auf den Weg.

Zunächst ging es Richtung Domstreng, einer Fluss-Sackgasse, der sich ein Riegel ehemaliger Mühlen und Lagerhäuser in den Weg stellt. Ohne diesen Abstecher jedoch gäbe es keinen Blick auf die Dominsel, der Wiege der Mark Brandenburg. Der Dom Sankt Peter und Paul ist die älteste Backsteinkirche der Mark, erfuhren wir über Lautsprecher vom Kapitän. Nachdem in der letzten Phase dreistelliger Jahreszahlen das slawische Brandenburg von den christlichen Truppen Heinrich I. erobert und ein Bistum gegründet worden war, fand 1165 die Grundsteinlegung des Domes statt. Ein Ort mit bedeutsamer Geschichte und einer der Urspünge dessen, warum heute das ganze Land Brandenburg heißt.



Zurück aus dem Domstreng wandte sich das Schiff dem Beetzsee zu. Erstmals erblicken wir, was sich hinter den dicht bebauten Straßenzeilen an Flusslandschaft verbirgt. Von der Stadt aus ist diese Idylle unsichtbar: Baumbestandene Ufer, hübsche Gärten, gemütliche Pavillons, immer wieder Anlegestellen. Vom Wasser aus bietet Brandenburg dörfliche Beschaulichkeit. Hier zu wohnen muss herrlich sein.



Hinter einer Brücke öffnet sich der Beetzsee und die Regattastrecke wird sichtbar. Auf einem Mast am Rande der Fahrrinne steht die Figur eines legendären Brandenburgers: Fritze Bollmann. Der Kapitän gab einige launige Anekdoten des berühmten Anglers zum Besten und dann erklang, zur allgemeinen Freude und einigen zum Mitsingen Animierter, das hinlänglich bekannte Lied von Fritze Bollmann und seinem Angelkahn.



Dann hieß es Beidrehen und zurück Richtung Silokanal. Der Silokanal, fast lässt der Name es schon vermuten, ist ein strenger, sehr ingenieurtechnischer Wasserweg. Auch die Uferbebauung ist entsprechend. Vorbei geht es am Stahlwerk mit seinen Kränen und Hallen. Früher reihten sich hier die Schmelzöfen mit ihren Schloten. Die Schornsteine sind heute verschwunden, doch im Industriemuseum an der Stirnseite der gigantischen Werkhalle ist ein alter Siemens-Martin-Ofen für die Nachwelt erhalten worden.



Aus dem Silokanal ergießt sich das Havelwasser in den Quenzsee, in der Ferne ist Kirchmöser zu sehen. Nur noch bewaldete Ufer und glitzernde Wasserflächen umgaben uns und die Stadt schien fern. Weiter ging unsere Fahrt auf den Breitlingsee, dann bis zur Kanincheninsel und zurück auf die Brandenburger Niederhavel. Das Flussufer ist über weite Strecken naturbelassen, fast würde ich es als urwüchsige Auenlandschaft bezeichnen. Es verbreitet Ruhe und scheint abgeschieden. Kaum zu glauben, dass sich hier vor dem Bau des Silokanals der Hauptweg für die Schifffahrt befand, der Mitten durch Brandenburg führte.

Langsam kam Brandenburg wieder in Sicht. Die Bebauung wurde dichter und schon rückte auch die Jahrtausendbrücke wieder heran. Unser Rundkurs auf der Havel um die Insel Brandenburg ging zu Ende. Eine wirklich empfehlenswerte Tour.

#Dagewesen: August 2018

Im Winter 2018 zog sich die klirrende Februarkälte bis in den März. Viele Tage lang sanken die Nachtfröste bis unter -10 Grad und ließen die Havel immer mehr erstarren. Am ersten Märzwochenende wollten wir deshalb auch auf das Eis, bevor es wieder milder würde. Also machten wir uns auf nach Caputh.



Caputh liegt südwestlich von Potsdam an einer Gemünde genannten Engstelle der Havel, durch die sich der Fluss in den Schwielowsee ergießt. Der Ort ist bekannt durch Einsteins Sommerhaus, das kurfürstliche Jagdschloss - vor allem jedoch Naturfreunden, Campern und Wassersportlern ein Begriff. Im Winter ist es hier naturgemäß etwas ruhiger, doch uns ging es heute schließlich auch nicht um Caputh, sondern um die in Eisstarre gefangene Natur. Hier konnten wir ihr nahekommen.



Hinter dem Schloss gingen wir durch den kleinen Park zur Havel. Es passiert nicht oft, dass der Fluss so weit zufriert, dass man das Ufer betreten kann. Und auch dann ist Vorsicht geboten, handelt es sich doch um ein fließendes Gewässer. Obwohl in der Ferne weiterhin offene Wasserflächen sichtbar waren und stattliche Risse das Eis durchzogen, hatten sich einige Eisläufer auf die Havel gewagt und drehten ihre Runden. Wir blieben zaghaft und begnügten uns damit, die bizarren Vereisungen im Schilf und in den Zweigen der Uferbüsche zu bewundern. Weil es keinen Schnee gab, konnte die klare Frostluft sich als Eiskünstler präsentieren.



Eine Familie, die Kinder mit ihren Schlittschuhen in den Händen, stand unschlüssig auf dem Steg. Ein einheimischer Spaziergänger riet ihnen ab, es hier zu versuchen und empfahl den Ausflüglern, lieber zum Caputher See zu wechseln, gleich auf der anderen Seite des Dorfes. Auch wir machten uns dorthin auf den Weg. Der See war komplett zugefroren und auf der ganzen Fläche herrschte munteres Treiben. Hier konnte das Eis sorglos betreten werden und es wurde emsig davon Gebrauch gemacht. Hier blieben wir, bis der Frost uns in die Nasen zwickte.

#Dagewesen: März 2018

Die Schönheit von Heidelberg wird besungen und gerühmt - und es gibt wohl nur wenige, die nicht von der Stadt zumindest gehört haben. Heidelberg gilt als Inbegriff deutscher Ruinenromantik und barocker Altstadtidylle und ist Wallfahrtsort unzähliger Touristen aus aller Welt. Und das Beste daran: Die Vorfreude ist berechtigt.


Auf dem Weg zu unserem Ausflug kramte ich in meinen Gedanken, was ich zur Einstimmung in Sachen Heidelberg gespeichert habe. Seltsamerweise fiel mir Mark Twain ein. Irgendwann hatte ich schwärmerische Zeilen von ihm gelesen, in seinem "Bummel durch Europa". Kaum wieder zu Hause, nahm ich das Buch aus dem Regal, blätterte nach und konnte nun meine eigenen Eindrücke mit seinem Reisebericht aus dem Jahre 1880 vergleichen. So beschrieb Mark Twain den Blick aus seinem Hotelfenster:

"Aus einer schwellenden Woge leuchtend grünen Laubwerks erhebt sich, einen Büchsenschuss entfernt, die gewaltige Ruine des Heidelberger Schlosses mit leeren Fensterbögen, efeugepanzerten Zinnen, verwitternden Türmen - der Lear der unbelebten Natur - , verlassen, entthront, sturmgepeitscht, ober noch immer fürstlich und schön. Es ist ein prächtiger Anblick, wenn das Abendsonnenlicht plötzlich den belaubten Abhang am Fuße des Schlosses trifft, an ihm emporschießt und es wie mit leuchtendem Gischt übergießt, während die angrenzenden Gehölze in tiefem Schatten liegen. Hinter dem Schloss erhebt sich ein ansehnlicher kuppelförmiger, bewaldeter Berg, und hinter diesem einer, der noch stattlicher und höher ist. Das Schloss blickt hinunter auf die dichtgedrängte Stadt mit ihren braunen Dächern; und von der Stadt aus überspannen zwei malerische alte Brücken den Fluss. Nun weitet sich der Ausblick; durch den Torweg zwischen den postenstehenden Vorgebirgen sieht man hinaus auf die weite Rheinebene, die sich sanft und in satten Farbtönen hindehnt, allmählich und traumhaft verschwimmt und schließlich unmerklich mit dem fernen Horizont verschmilzt. Ich habe noch niemals eine Aussicht genossen, die einen so stillen und beglückenden Zauber besessen hätte wie diese."

Treffender lässt sich die imposante Kulisse der Stadt wohl kaum in Worte fassen. Und es ist ein Glück, dass dieses Bild auch noch nach reichlich hundert Jahren so erhalten und gültig ist.



Wir näherten uns der Altstadt von der ihr gegenüber liegenden Uferpromenade am Neckar aus. Der Blick ist wahrhaft malerisch: Die steinernen Bögen der alten Brücke, die weißen Türme des Brückentores, die leuchtenden Fassaden der Häuser am Fluss, an den Berg geschmiegte Dächer und Kirchen, die Schlossruine im Frühlingsgrün, der Gipfel der Königsstuhls darüber. Abgesehen von den emsig treibenden Schauerwolken ein perfektes Panorama mit magischer Anziehungskraft. Also nichts wie hinein, in die barocken Gassen, die gleich hinter der Brücke beginnen.

Auf dem Marktplatz rieselten ein paar Regentropfen auf uns herab. Unter einem nahen Sonnenschirm suchten wir Schutz und nutzten die Zeit für eine Kaffeepause. Ganz zufrieden mit Qualität und Service waren wir nicht, es gibt sicher bessere Gelegenheiten für eine Rast, doch der hübsche Marktplatz mit Kirche, Rathaus und Brunnen und auch der Schirm über unseren Köpfen stimmten uns versöhnlich mit der etwas lieblos geratenen Massenabfertigung.

Während wir auf unsere Rechnung warteten, beobachteten wir, wie sich vor der Tür des Rathauses eine kleine Menschenmenge sammelte. Auch eine, vermeintlich japanische, Reisegruppe wurde darauf aufmerksam und gesellte sich hinzu. Eine Hochzeitsgesellschaft, war zu ahnen, würde gleich auf den Platz treten. Die Handys und Fotoapparate wurden bereit gemacht. Die Überraschung war komplett, als das Brautpaar aus zwei Frauen bestand, die sich gerade das Jawort gegeben hatten. Amüsiert schauten wir zu, wie die Schaulustigen erst irritierte und verwunderte Blicke tauschten und dann doch hastig noch den einen oder anderen Schnappschuss für zu Hause einzufangen versuchten.

Wenige Schritte später gelangten wir auf den nächsten prächtigen Platz, den Kornmarkt mit dem Muttergottesbrunnen in seiner Mitte. Von hier aus hat man einen weiteren markanten Blick zur Schlossruine hinauf und wer noch Zweifel daran hat, den Aufstieg zum Schloss auf sich zu nehmen, trifft spätestens hier die Entscheidung, sich diesen Aussichtspunkt nicht entgehen zu lassen. Ganz so beschwerlich, wie es den Anschein hat, ist die Sache nämlich gar nicht: Es gibt eine Bergbahn, die den steilen Berghang hinauf führt.



Als wir an der Station ankamen, stand gerade eine Bahn zur Abfahrt bereit. Wir beeilten uns, schnell am Automaten ein Ticket zu ziehen und sprangen hinein. Ganz klug war das nicht, denn die Bergbahn hat eine für den Unwissenden tückische Tarifstruktur. Heute weiß ich: Es gibt mehrere Haltestellen, einmal zum Schloss, dann bis Molkenkur und nach einem Umstieg weiter bis hinauf zum Gipfel des Königstuhls. Das Ganze lässt sich als einfache Fahrt, als Hin- und Rückfahrt oder als Gesamtbahn buchen. Das alles verstanden wir nicht, wir waren darauf fokussiert, die nächste Bahn zu erreichen. Wir lösten Gesamtbahn, fuhren zwei Stationen mit und stellten fest, dass wir eigentlich beim ersten Halt hätten aussteigen müssen, wenn wir zur Schlossruine wollten. Und da wir nur zu einer einfachen Fahrt berechtigt waren, blieb uns der Weg zur Rückfahrt versperrt. Nach dieser Erfahrung hatten wir das Tarifsystem begriffen, waren aber nicht gewillt, jetzt schon wieder eine Fahrkarte zu kaufen, die wir gleich hätten viel billiger haben können. Egal, es gab ja noch den Spazierweg durch den Wald, einfach ein Stück den Berg wieder herunter.

Die Schlossruine ist größer und weitläufiger, als es vom Tal aus den Anschein hat. Der Blick hinunter auf den Neckar, über die Dächer der Altstadt, auf die Berge und in die Ferne ist grandios. Das Schloss steht auf einem Tableu am Hang, zu dem ein in Terrassen gegliederter Park gehört. Die Ruine ist von einem Burggraben umgeben, einer der runden Ecktürme ist wie von einem Schwerthieb gespalten, eine Turmhälfte ist in den Graben gerutscht und der Blick frei auf die Gewölbe und Räume. Ein bizarres Bild von roher Gewalt und Vergänglichkeit und doch irgendwie kunstvoll, einer Puppenstube gleich, inszeniert. Eine romantische Ruine fürwahr, mit vielen eindrucksvollen Perspektiven.



Zwei steinerne Ritter mit Speer und Schwert bewachen das mächtige Tor zum Schlosshof. Hier lässt sich erahnen, wie schön und repräsentativ das Schloss in den Zeiten war, als es noch als kurfürstliche Residenz diente, bevor es im 17. Jahrhundert belagert und zerstört, teilweise wieder aufgebaut und nach einem Blitzschlag endgültig aufgegeben wurde.

Im einem Kellergewölbe gibt es das weltberühmte Heidelberger Fass zu sehen. Mehr als 200.000 Liter Wein sollen dort hineinpassen, und während wir uns der Prozession der Besucher die Treppe hinauf auf das Dach des Fasses anschlossen, dachten wir wie alle anderen darüber nach, welchen praktischen Nutzen ein Fass dieser Dimensionen haben könnte und was die Erbauer bewogen haben mochte, so ein Monstrum zu zimmern. Vielleicht war es immer schon vor allem als Attraktion für die Gäste gedacht. Womit wir wieder bei Mark Twain wären. Auch er hatte vor dem Fass gestanden und sich mit augenzwinkerndem Humor in seinem Reisebericht seine Gedanken über den Sinn und Unsinn dieses Behältnisses gemacht.



Noch einmal besuchten wir die Schlossmauern, gewissermaßen den Balkon über der Stadt, und planten mit den Augen vor, welchen Weg durch das Dächergewirr wir bei unserer Rückkehr in die Altstadt am Nachmittag noch gehen wollten.

#Dagewesen - April 2015

Ganz klar, ein einziger Beitrag im Blog wäre zu umfangreich, um von den Eindrücken in Prag zu erzählen. Deshalb gibt es hier die Fortsetzung. Gut ausgeschlafen, vom Frühstück gestärkt und nach einem kleinen Kampf mit den Tücken des Kaffeeautomaten machten wir uns auf den Weg in die Altstadt. Zwei Mal um die Ecke herum, schon war der Wenzelsplatz erreicht, die Promenade in ganzer Länge abspaziert und die Gassen wurden enger. Wenn man zentral Quartier bezieht ist das alte Prag wirklich eine Stadt der kurzen Wege und vor allem zu sehenswert, um daran nur vorbeizuhuschen.



Es war Samstag und außerdem Ostermarkt. Wo immer es die Straßen und Plätze zuließen, winkten mit bunten Bändern geschmückte Birken bereits aus der Ferne und sie waren umringt von zahllosen Verkaufsständen. Kunsthandwerk, Geschenke, Häppchen und vor allem prächtig verzierte Ostereier wurden dort angeboten. Natürlich zögerte sich unsere Ankunft am Altstädter Ring dadurch etwas hinaus.



Eine kleine Gasse, eng wie ein Nadelöhr, spuckte uns schließlich auf den Platz und wir waren doppelt beeindruckt: einmal von dem Blick auf das Häuserensemble und dann von dem ungeheuren Gedränge, das uns empfing. Es ist wirklich die gute Stube der Stadt, mit erhabenen Türmen, herausgeputzten Fassaden und dem Altstädter Rathaus als alles überragenden Blickfang.



Vor der astronomischen Uhr, dem sechshundert Jahre alten Schmuckstück an der Turmwand, ballte sich die Menschenmenge, flankiert von den Besuchern des Ostermarktes und Hochzeitsgesellschaften, die vor der Rathaustür zum Foto Aufstellung nahmen. Wir waren im besten Moment angekommen, denn in wenigen Minuten sollten, wie zu jeder vollen Stunde, die Glocken schlagen und die zwölf Apostel aus ihren Fensterchen schauen. Schnell noch einen Platz im Gewimmel finden und schon begann der Sensenmann mit seiner knöchernen Hand sein Glöckchen zu läuten.



Nach diesem Schauspiel wollten wir auf den Turm hinauf. Die Gelegenheit schien günstig, denn beim Ticketverkauf standen nicht allzu viele Leute an. Im Inneren des Hauses sah das schon etwas anders aus. Die Schlange der Wartenden zog sich die Stufen des Treppenhauses hinunter, doch die Geduld wurde durch einen wahrhaft imposanten, zurecht als schönsten Blick auf Prag gepriesenen, Ausblick belohnt. Aus fast 70 Metern Höhe lässt sich wohl die ganze Stadt überblicken. In der Ferne die Prager Burg, die sanften Hügel jenseits der Moldau, zu Füßen der Marktplatz, ein geschäftiger Ameisenhaufen, das Jan Hus-Denkmal fast versteckt zwischen den Buden und Bühnen des Ostermarktes. Wir umrundeten den Turm auf dem schmalen Pfad der Aussichtsplattform mit betont langsamen Schritten und gaben das schöne Plätzchen wieder frei für die vielen, die nach uns die kleine Wendeltreppe empor strebten.



Es wäre müßig, an dieser Stelle die weiteren Wege und sehenswerten Orte aufzählen zu wollen. Es gibt auf Schritt und Tritt viel zu entdecken. Den lebendigen Puls und den Hauch der Geschichte muss jeder mit den eigenen Sinnen auf sich wirken lassen. Wenn man jedoch schon einmal da ist, sollte man nicht versäumen, auch dem Platz der Republik, mit dem von Jahrhunderten geschwärzten Pulverturm und dem im Jugendstil erbauten Gemeindehaus, einen Besuch abzustatten. Auch den Kafka-Platz samt Kaffee halte ich für sehenswert und von der Brücke neben dem Rudolfinum-Konzerthaus hat man einen fotogenen Blick auf die Karlsbrücke. Damit sei es genug, auch wenn es mich in den Fingern juckt zu diesem und jenem noch ein paar Sätze mehr tippen zu wollen.



Im Laufe des Nachmittags hatten wir wieder auf die andere Moldauseite gewechselt und setzten uns bei schönstem Sonnenschein in einen Kaffeegarten. Warmer Apfelstrudel mit einem ordentlichen Sahnehäubchen war genau das, was wir jetzt brauchten. Eine gute Weile schauten wir zu, wie die anderen Touristen, mit dem Stadtplan in in der Hand nach Orientierungspunkten suchend oder zielstrebig mit festen Schritten unterwegs waren. Gleich gehörten wir wieder dazu.

Bevor der Tag zur Neige ging und wir uns bei böhmischer Küche und dunklem Bier von unserem Spaziergang erholten, gab es noch eine Zufallsbegegnung, von der ich berichten will. Wir lernten das Prager Jesuskind kennen.



Die Kirche, in der es wohnt, ist auf den ersten Blick etwas unscheinbar. Der Giebel und die Treppe zur Straße sind unspektakulär, im inneren jedoch reihen sich prunkvolle Altäre. Die Kirche gehört zum Orden der Barfüßigen Karmeliter und das zentrale Heiligtum ist das Jesuskind. Eine kleine Puppe aus Wachs, mit einer segnenden Geste der einen und einer goldenen Weltkugel mit Kreuz in der anderen Hand. Ursprünglich, ist nachzulesen, stammt die Figur aus Spanien und ist mehr als vierhundert Jahre alt. Die entscheidende Besonderheit sind jedoch die Kleider des Jesuskindes. Abhängig vom Kirchenjahr wird die Puppe in reich verzierte Gewänder gekleidet und viele Gläubige haben ihr als Dank für erhörte Gebete Kleider geschenkt. In einer Ausstellung in einem Seitenflügel der Kirche können die teils sehr alten Gewänder besichtigt werden. Ein schöner Brauch, den zu verstehen und zu würdigen man nicht zwingend katholisch sein muss.

Unser Besuch im Prag ging am Sonntag zu Ende. Für die letzten Stunden nutzten wir die Metro, um schneller voran zu kommen. Das Metronetz ist übrigens wie für die Gäste der Stadt gemacht. Die Umsteigepunkte für einen Richtungswechsel sind gut gelegen und ideal für jeden, dem die Laufarbeit zu beschwerlich wird.

Bei unserer Abfahrt erhaschten wir vom Bus aus noch einen Abschiedsblick auf den Burgberg. Prag ist eine Stadt zum Wiederkommen, das stand für uns fest.

#Dagewesen: April 2015 | Weiter zu Teil 1

Warum waren wir eigentlich noch nie in Prag? Auf diese Frage konnten wir keine plausible Antwort finden und reservierten uns deshalb ein langes Wochenende im März für einen Abstecher dorthin. Wir entschieden uns für eine Anreise mit dem Fernbus - eine wirklich gute Alternative zum Auto, an der es nichts zu mäkeln gibt. Die Fahrt war pünktlich, der Preis günstig, die Sitze bequem, es gab WiFi an Bord und es ging schnell. Morgens in Berlin eingestiegen waren wir am Mittag dort. Zudem ist der Busbahnhof in Prag so gut gelegen, dass es im Grunde keiner weiteren Verkehrsmittel bedarf, um in die Prager Altstadt zu gelangen. Angesichts unseres leichten, aber für erste Wanderungen doch unhandlichen Gepäcks, fuhren wir doch erst einmal ein Stück mit der Metro.



Auf dem Wenzelsplatz kamen wir wieder ans Tageslicht. Eine wahrhaft würdige erste Begegnung mit Prag. Es gibt Plätze in den großen Städten der Welt, die wirken in echt viel kleiner, als man in seiner von Bildern inspirierten Vorstellung erwartet hat. Beim Wenzelsplatz ging es mir umgekehrt. Die Bezeichnung Platz wird diesem Boulevard nicht gerecht. Er erstreckt sich in wuchtiger Breite über gefühlt viele hundert Meter. Vielleicht wirkt er auch so groß, weil seine Sichtachse geneigt ist und einen sanften Hügel hinaufführt, an deren Ende das Denkmal des heiligen Wenzel von Böhmen hoch zu Ross und das repräsentative Nationalmuseum über allem zu schweben scheinen. Unmittelbar war der Hauch von Metropole spürbar, geschäftiges Treiben an den Ladenzeilen, Touristen auf Entdeckungstour und nun auch wir mittendrin. Wenige Schritte später wurden wir auch an die mit diesem Ort verbundene Vergangenheit erinnert. Der Prager Frühling sei nur als beispielhaftes Stichwort eingeworfen. Schwer vorzustellen, dass sich diese lebendige wie geschichtsträchtige Prachtstraße einmal aus einem Pferdemarkt entwickelt haben soll.

Am anderen Ende des Wenzelsplatzes angekommen, weisen Hinweisschilder den Weg in die Gassen der Altstadt. Wir vertagten es jedoch, ihnen zu folgen und machten uns Richtung Neustädter Rathaus auf den Weg. Dort in der Nähe befand sich unser Hotel. Um an dieser Stelle keine Ortskenntnis vorzugaukeln: Wir waren natürlich vorbereitet und hatten uns einen Plan ausgedruckt, dem wir zielstrebig folgten. Außerdem war bald der Rathausturm als Wegmarke zu sehen. Davor ein weiterer weitläufiger, als Park angelegter Platz, einmal um die Ecke herum und wir waren da. Wir checkten schnell ein, um möglichst viel von dem noch jungen Nachmittag für den Auftakt unserer Spaziergänge zu retten. Auch auf die dicken Jacken konnten wir verzichten, das Wetter meinte es gut mit uns. Die Sonne schien und es war frühlingshaft mild.



Vom Hotel war es nicht weit bis zum Ufer der Moldau. Am "tanzenden Haus", einem dynamisch geschwungenen Bravourstück moderner Architektur, öffnete sich für uns zum ersten Mal der Blick zum Hradschin und zur Prager Burg. Nun wussten wir, in welcher Richtung wir auf der Uferpromenade zu wandeln hatten. An dieser Stelle schnell noch eine allgemeine Bemerkung zur Architektur in Prag. Wer sich für Stilepochen und Bauwerke interessiert, kann sich hier wie in einer Fundgrube fühlen. Vom Mittelalter bis in die Moderne hat hier jede Zeit bemerkenswerte Musterstücke hinterlassen. Gotik und Jugendstil stehen einträchtig wie harmonisch nebeneinander. Es ist ein wirkliches Glück, dass Prag von den Feuerwalzen des Bombenkrieges und überambitionierten Stadtplanern verschont wurde. Es war für uns ein wahres Vergnügen, durch die Altstadt zu spazieren und die alten Gebäude und hübschen Fassaden zu bewundern.



Unsere nächste Station war die Karlsbrücke - die steht natürlich ganz weit oben auf dem Pflichtprogramm jedes Prag-Besuchers. Wie es schien, waren sie alle gerade da. Wir mischten uns in das Gewimmel aus Straßenhändlern und Touristen. Bei den Skulpturen auf den Brückenmauern beließen wir es beim Betrachten. Wir sind nicht so kundig, was die dargestellten Heiligen betrifft, und auch die Wunder, die man durch das Berühren von Reliefs bewirken kann, liegen für uns im Verborgenen. Doch ein wenig Gespür für Ästhetik genügte auch, um sich an ihnen zu erfreuen und den Hauch der Geschichte zu spüren.



Ein Blick auf die Uhr, wir hatten noch viel Zeit. Also hinüber in die Burgstadt, die Gassen erkundet, die Plätze überquert und den Berg hinauf. Dort schauten wir uns gründlich um. Das Schloss, die romanischen Türme der Basilika, der gotische Veitsdom in seiner imposanten Wucht, das Goldene Gässchen mit den an die Burgmauer geschmiegten Miniaturhäusern. So schön wie der Rundgang ist auch der Blick auf die Stadt. Die tiefstehende Sonne in unserem Rücken, erstrahlen die Dächer und Türme der Stadt. Zum Altstädter Rathaus, auch das darf man nicht verpassen, schien es gar nicht mehr weit, doch diesen Weg wollten wir uns dann doch besser für den nächsten Tag aufheben.



Zur Burg hinauf waren wir von der Schlossseite gekommen, auf den Rückweg machten wir uns durch das hintere Burgtor, wo es zügig wieder zum Ufer der Moldau hinabging. Danach war es Zeit, über die abendliche Planung nachzudenken. Restaurants mit bodenständiger böhmischer Küche und heimischem Bier gibt es in Hülle und Fülle. Auch abseits der touristischen Hauptwege muss man vermutlich nirgendwo lange suchen. Auch wir wurden schnell fündig, setzten uns an einer hölzernen Tafel auf rustikale Stühle, aßen deftig und reichlich und freuten uns über den aufmerksamen Service, immer gut gefüllte Gläser zu haben.



Zum Ausklang des Tages gingen wir noch einmal zur Karlsbrücke zurück, um den Blick auf den Burgberg im goldenen Licht der abendlichen Beleuchtung zu genießen. Es liegt auf der Hand, dass uns im Hotel mit dem Ausschalten des Lichts der Schlaf übermannte.

#Dagewesen: März 2015 | Weiter zu Teil 2