Die Schönheit von Heidelberg wird besungen und gerühmt - und es gibt wohl nur wenige, die nicht von der Stadt zumindest gehört haben. Heidelberg gilt als Inbegriff deutscher Ruinenromantik und barocker Altstadtidylle und ist Wallfahrtsort unzähliger Touristen aus aller Welt. Und das Beste daran: Die Vorfreude ist berechtigt.


Auf dem Weg zu unserem Ausflug kramte ich in meinen Gedanken, was ich zur Einstimmung in Sachen Heidelberg gespeichert habe. Seltsamerweise fiel mir Mark Twain ein. Irgendwann hatte ich schwärmerische Zeilen von ihm gelesen, in seinem "Bummel durch Europa". Kaum wieder zu Hause, nahm ich das Buch aus dem Regal, blätterte nach und konnte nun meine eigenen Eindrücke mit seinem Reisebericht aus dem Jahre 1880 vergleichen. So beschrieb Mark Twain den Blick aus seinem Hotelfenster:

"Aus einer schwellenden Woge leuchtend grünen Laubwerks erhebt sich, einen Büchsenschuss entfernt, die gewaltige Ruine des Heidelberger Schlosses mit leeren Fensterbögen, efeugepanzerten Zinnen, verwitternden Türmen - der Lear der unbelebten Natur - , verlassen, entthront, sturmgepeitscht, ober noch immer fürstlich und schön. Es ist ein prächtiger Anblick, wenn das Abendsonnenlicht plötzlich den belaubten Abhang am Fuße des Schlosses trifft, an ihm emporschießt und es wie mit leuchtendem Gischt übergießt, während die angrenzenden Gehölze in tiefem Schatten liegen. Hinter dem Schloss erhebt sich ein ansehnlicher kuppelförmiger, bewaldeter Berg, und hinter diesem einer, der noch stattlicher und höher ist. Das Schloss blickt hinunter auf die dichtgedrängte Stadt mit ihren braunen Dächern; und von der Stadt aus überspannen zwei malerische alte Brücken den Fluss. Nun weitet sich der Ausblick; durch den Torweg zwischen den postenstehenden Vorgebirgen sieht man hinaus auf die weite Rheinebene, die sich sanft und in satten Farbtönen hindehnt, allmählich und traumhaft verschwimmt und schließlich unmerklich mit dem fernen Horizont verschmilzt. Ich habe noch niemals eine Aussicht genossen, die einen so stillen und beglückenden Zauber besessen hätte wie diese."

Treffender lässt sich die imposante Kulisse der Stadt wohl kaum in Worte fassen. Und es ist ein Glück, dass dieses Bild auch noch nach reichlich hundert Jahren so erhalten und gültig ist.



Wir näherten uns der Altstadt von der ihr gegenüber liegenden Uferpromenade am Neckar aus. Der Blick ist wahrhaft malerisch: Die steinernen Bögen der alten Brücke, die weißen Türme des Brückentores, die leuchtenden Fassaden der Häuser am Fluss, an den Berg geschmiegte Dächer und Kirchen, die Schlossruine im Frühlingsgrün, der Gipfel der Königsstuhls darüber. Abgesehen von den emsig treibenden Schauerwolken ein perfektes Panorama mit magischer Anziehungskraft. Also nichts wie hinein, in die barocken Gassen, die gleich hinter der Brücke beginnen.

Auf dem Marktplatz rieselten ein paar Regentropfen auf uns herab. Unter einem nahen Sonnenschirm suchten wir Schutz und nutzten die Zeit für eine Kaffeepause. Ganz zufrieden mit Qualität und Service waren wir nicht, es gibt sicher bessere Gelegenheiten für eine Rast, doch der hübsche Marktplatz mit Kirche, Rathaus und Brunnen und auch der Schirm über unseren Köpfen stimmten uns versöhnlich mit der etwas lieblos geratenen Massenabfertigung.

Während wir auf unsere Rechnung warteten, beobachteten wir, wie sich vor der Tür des Rathauses eine kleine Menschenmenge sammelte. Auch eine, vermeintlich japanische, Reisegruppe wurde darauf aufmerksam und gesellte sich hinzu. Eine Hochzeitsgesellschaft, war zu ahnen, würde gleich auf den Platz treten. Die Handys und Fotoapparate wurden bereit gemacht. Die Überraschung war komplett, als das Brautpaar aus zwei Frauen bestand, die sich gerade das Jawort gegeben hatten. Amüsiert schauten wir zu, wie die Schaulustigen erst irritierte und verwunderte Blicke tauschten und dann doch hastig noch den einen oder anderen Schnappschuss für zu Hause einzufangen versuchten.

Wenige Schritte später gelangten wir auf den nächsten prächtigen Platz, den Kornmarkt mit dem Muttergottesbrunnen in seiner Mitte. Von hier aus hat man einen weiteren markanten Blick zur Schlossruine hinauf und wer noch Zweifel daran hat, den Aufstieg zum Schloss auf sich zu nehmen, trifft spätestens hier die Entscheidung, sich diesen Aussichtspunkt nicht entgehen zu lassen. Ganz so beschwerlich, wie es den Anschein hat, ist die Sache nämlich gar nicht: Es gibt eine Bergbahn, die den steilen Berghang hinauf führt.



Als wir an der Station ankamen, stand gerade eine Bahn zur Abfahrt bereit. Wir beeilten uns, schnell am Automaten ein Ticket zu ziehen und sprangen hinein. Ganz klug war das nicht, denn die Bergbahn hat eine für den Unwissenden tückische Tarifstruktur. Heute weiß ich: Es gibt mehrere Haltestellen, einmal zum Schloss, dann bis Molkenkur und nach einem Umstieg weiter bis hinauf zum Gipfel des Königstuhls. Das Ganze lässt sich als einfache Fahrt, als Hin- und Rückfahrt oder als Gesamtbahn buchen. Das alles verstanden wir nicht, wir waren darauf fokussiert, die nächste Bahn zu erreichen. Wir lösten Gesamtbahn, fuhren zwei Stationen mit und stellten fest, dass wir eigentlich beim ersten Halt hätten aussteigen müssen, wenn wir zur Schlossruine wollten. Und da wir nur zu einer einfachen Fahrt berechtigt waren, blieb uns der Weg zur Rückfahrt versperrt. Nach dieser Erfahrung hatten wir das Tarifsystem begriffen, waren aber nicht gewillt, jetzt schon wieder eine Fahrkarte zu kaufen, die wir gleich hätten viel billiger haben können. Egal, es gab ja noch den Spazierweg durch den Wald, einfach ein Stück den Berg wieder herunter.

Die Schlossruine ist größer und weitläufiger, als es vom Tal aus den Anschein hat. Der Blick hinunter auf den Neckar, über die Dächer der Altstadt, auf die Berge und in die Ferne ist grandios. Das Schloss steht auf einem Tableu am Hang, zu dem ein in Terrassen gegliederter Park gehört. Die Ruine ist von einem Burggraben umgeben, einer der runden Ecktürme ist wie von einem Schwerthieb gespalten, eine Turmhälfte ist in den Graben gerutscht und der Blick frei auf die Gewölbe und Räume. Ein bizarres Bild von roher Gewalt und Vergänglichkeit und doch irgendwie kunstvoll, einer Puppenstube gleich, inszeniert. Eine romantische Ruine fürwahr, mit vielen eindrucksvollen Perspektiven.



Zwei steinerne Ritter mit Speer und Schwert bewachen das mächtige Tor zum Schlosshof. Hier lässt sich erahnen, wie schön und repräsentativ das Schloss in den Zeiten war, als es noch als kurfürstliche Residenz diente, bevor es im 17. Jahrhundert belagert und zerstört, teilweise wieder aufgebaut und nach einem Blitzschlag endgültig aufgegeben wurde.

Im einem Kellergewölbe gibt es das weltberühmte Heidelberger Fass zu sehen. Mehr als 200.000 Liter Wein sollen dort hineinpassen, und während wir uns der Prozession der Besucher die Treppe hinauf auf das Dach des Fasses anschlossen, dachten wir wie alle anderen darüber nach, welchen praktischen Nutzen ein Fass dieser Dimensionen haben könnte und was die Erbauer bewogen haben mochte, so ein Monstrum zu zimmern. Vielleicht war es immer schon vor allem als Attraktion für die Gäste gedacht. Womit wir wieder bei Mark Twain wären. Auch er hatte vor dem Fass gestanden und sich mit augenzwinkerndem Humor in seinem Reisebericht seine Gedanken über den Sinn und Unsinn dieses Behältnisses gemacht.



Noch einmal besuchten wir die Schlossmauern, gewissermaßen den Balkon über der Stadt, und planten mit den Augen vor, welchen Weg durch das Dächergewirr wir bei unserer Rückkehr in die Altstadt am Nachmittag noch gehen wollten.

#Dagewesen - April 2015

Ganz klar, ein einziger Beitrag im Blog wäre zu umfangreich, um von den Eindrücken in Prag zu erzählen. Deshalb gibt es hier die Fortsetzung. Gut ausgeschlafen, vom Frühstück gestärkt und nach einem kleinen Kampf mit den Tücken des Kaffeeautomaten machten wir uns auf den Weg in die Altstadt. Zwei Mal um die Ecke herum, schon war der Wenzelsplatz erreicht, die Promenade in ganzer Länge abspaziert und die Gassen wurden enger. Wenn man zentral Quartier bezieht ist das alte Prag wirklich eine Stadt der kurzen Wege und vor allem zu sehenswert, um daran nur vorbeizuhuschen.



Es war Samstag und außerdem Ostermarkt. Wo immer es die Straßen und Plätze zuließen, winkten mit bunten Bändern geschmückte Birken bereits aus der Ferne und sie waren umringt von zahllosen Verkaufsständen. Kunsthandwerk, Geschenke, Häppchen und vor allem prächtig verzierte Ostereier wurden dort angeboten. Natürlich zögerte sich unsere Ankunft am Altstädter Ring dadurch etwas hinaus.



Eine kleine Gasse, eng wie ein Nadelöhr, spuckte uns schließlich auf den Platz und wir waren doppelt beeindruckt: einmal von dem Blick auf das Häuserensemble und dann von dem ungeheuren Gedränge, das uns empfing. Es ist wirklich die gute Stube der Stadt, mit erhabenen Türmen, herausgeputzten Fassaden und dem Altstädter Rathaus als alles überragenden Blickfang.



Vor der astronomischen Uhr, dem sechshundert Jahre alten Schmuckstück an der Turmwand, ballte sich die Menschenmenge, flankiert von den Besuchern des Ostermarktes und Hochzeitsgesellschaften, die vor der Rathaustür zum Foto Aufstellung nahmen. Wir waren im besten Moment angekommen, denn in wenigen Minuten sollten, wie zu jeder vollen Stunde, die Glocken schlagen und die zwölf Apostel aus ihren Fensterchen schauen. Schnell noch einen Platz im Gewimmel finden und schon begann der Sensenmann mit seiner knöchernen Hand sein Glöckchen zu läuten.



Nach diesem Schauspiel wollten wir auf den Turm hinauf. Die Gelegenheit schien günstig, denn beim Ticketverkauf standen nicht allzu viele Leute an. Im Inneren des Hauses sah das schon etwas anders aus. Die Schlange der Wartenden zog sich die Stufen des Treppenhauses hinunter, doch die Geduld wurde durch einen wahrhaft imposanten, zurecht als schönsten Blick auf Prag gepriesenen, Ausblick belohnt. Aus fast 70 Metern Höhe lässt sich wohl die ganze Stadt überblicken. In der Ferne die Prager Burg, die sanften Hügel jenseits der Moldau, zu Füßen der Marktplatz, ein geschäftiger Ameisenhaufen, das Jan Hus-Denkmal fast versteckt zwischen den Buden und Bühnen des Ostermarktes. Wir umrundeten den Turm auf dem schmalen Pfad der Aussichtsplattform mit betont langsamen Schritten und gaben das schöne Plätzchen wieder frei für die vielen, die nach uns die kleine Wendeltreppe empor strebten.



Es wäre müßig, an dieser Stelle die weiteren Wege und sehenswerten Orte aufzählen zu wollen. Es gibt auf Schritt und Tritt viel zu entdecken. Den lebendigen Puls und den Hauch der Geschichte muss jeder mit den eigenen Sinnen auf sich wirken lassen. Wenn man jedoch schon einmal da ist, sollte man nicht versäumen, auch dem Platz der Republik, mit dem von Jahrhunderten geschwärzten Pulverturm und dem im Jugendstil erbauten Gemeindehaus, einen Besuch abzustatten. Auch den Kafka-Platz samt Kaffee halte ich für sehenswert und von der Brücke neben dem Rudolfinum-Konzerthaus hat man einen fotogenen Blick auf die Karlsbrücke. Damit sei es genug, auch wenn es mich in den Fingern juckt zu diesem und jenem noch ein paar Sätze mehr tippen zu wollen.



Im Laufe des Nachmittags hatten wir wieder auf die andere Moldauseite gewechselt und setzten uns bei schönstem Sonnenschein in einen Kaffeegarten. Warmer Apfelstrudel mit einem ordentlichen Sahnehäubchen war genau das, was wir jetzt brauchten. Eine gute Weile schauten wir zu, wie die anderen Touristen, mit dem Stadtplan in in der Hand nach Orientierungspunkten suchend oder zielstrebig mit festen Schritten unterwegs waren. Gleich gehörten wir wieder dazu.

Bevor der Tag zur Neige ging und wir uns bei böhmischer Küche und dunklem Bier von unserem Spaziergang erholten, gab es noch eine Zufallsbegegnung, von der ich berichten will. Wir lernten das Prager Jesuskind kennen.



Die Kirche, in der es wohnt, ist auf den ersten Blick etwas unscheinbar. Der Giebel und die Treppe zur Straße sind unspektakulär, im inneren jedoch reihen sich prunkvolle Altäre. Die Kirche gehört zum Orden der Barfüßigen Karmeliter und das zentrale Heiligtum ist das Jesuskind. Eine kleine Puppe aus Wachs, mit einer segnenden Geste der einen und einer goldenen Weltkugel mit Kreuz in der anderen Hand. Ursprünglich, ist nachzulesen, stammt die Figur aus Spanien und ist mehr als vierhundert Jahre alt. Die entscheidende Besonderheit sind jedoch die Kleider des Jesuskindes. Abhängig vom Kirchenjahr wird die Puppe in reich verzierte Gewänder gekleidet und viele Gläubige haben ihr als Dank für erhörte Gebete Kleider geschenkt. In einer Ausstellung in einem Seitenflügel der Kirche können die teils sehr alten Gewänder besichtigt werden. Ein schöner Brauch, den zu verstehen und zu würdigen man nicht zwingend katholisch sein muss.

Unser Besuch im Prag ging am Sonntag zu Ende. Für die letzten Stunden nutzten wir die Metro, um schneller voran zu kommen. Das Metronetz ist übrigens wie für die Gäste der Stadt gemacht. Die Umsteigepunkte für einen Richtungswechsel sind gut gelegen und ideal für jeden, dem die Laufarbeit zu beschwerlich wird.

Bei unserer Abfahrt erhaschten wir vom Bus aus noch einen Abschiedsblick auf den Burgberg. Prag ist eine Stadt zum Wiederkommen, das stand für uns fest.

#Dagewesen: April 2015 | Weiter zu Teil 1

Warum waren wir eigentlich noch nie in Prag? Auf diese Frage konnten wir keine plausible Antwort finden und reservierten uns deshalb ein langes Wochenende im März für einen Abstecher dorthin. Wir entschieden uns für eine Anreise mit dem Fernbus - eine wirklich gute Alternative zum Auto, an der es nichts zu mäkeln gibt. Die Fahrt war pünktlich, der Preis günstig, die Sitze bequem, es gab WiFi an Bord und es ging schnell. Morgens in Berlin eingestiegen waren wir am Mittag dort. Zudem ist der Busbahnhof in Prag so gut gelegen, dass es im Grunde keiner weiteren Verkehrsmittel bedarf, um in die Prager Altstadt zu gelangen. Angesichts unseres leichten, aber für erste Wanderungen doch unhandlichen Gepäcks, fuhren wir doch erst einmal ein Stück mit der Metro.



Auf dem Wenzelsplatz kamen wir wieder ans Tageslicht. Eine wahrhaft würdige erste Begegnung mit Prag. Es gibt Plätze in den großen Städten der Welt, die wirken in echt viel kleiner, als man in seiner von Bildern inspirierten Vorstellung erwartet hat. Beim Wenzelsplatz ging es mir umgekehrt. Die Bezeichnung Platz wird diesem Boulevard nicht gerecht. Er erstreckt sich in wuchtiger Breite über gefühlt viele hundert Meter. Vielleicht wirkt er auch so groß, weil seine Sichtachse geneigt ist und einen sanften Hügel hinaufführt, an deren Ende das Denkmal des heiligen Wenzel von Böhmen hoch zu Ross und das repräsentative Nationalmuseum über allem zu schweben scheinen. Unmittelbar war der Hauch von Metropole spürbar, geschäftiges Treiben an den Ladenzeilen, Touristen auf Entdeckungstour und nun auch wir mittendrin. Wenige Schritte später wurden wir auch an die mit diesem Ort verbundene Vergangenheit erinnert. Der Prager Frühling sei nur als beispielhaftes Stichwort eingeworfen. Schwer vorzustellen, dass sich diese lebendige wie geschichtsträchtige Prachtstraße einmal aus einem Pferdemarkt entwickelt haben soll.

Am anderen Ende des Wenzelsplatzes angekommen, weisen Hinweisschilder den Weg in die Gassen der Altstadt. Wir vertagten es jedoch, ihnen zu folgen und machten uns Richtung Neustädter Rathaus auf den Weg. Dort in der Nähe befand sich unser Hotel. Um an dieser Stelle keine Ortskenntnis vorzugaukeln: Wir waren natürlich vorbereitet und hatten uns einen Plan ausgedruckt, dem wir zielstrebig folgten. Außerdem war bald der Rathausturm als Wegmarke zu sehen. Davor ein weiterer weitläufiger, als Park angelegter Platz, einmal um die Ecke herum und wir waren da. Wir checkten schnell ein, um möglichst viel von dem noch jungen Nachmittag für den Auftakt unserer Spaziergänge zu retten. Auch auf die dicken Jacken konnten wir verzichten, das Wetter meinte es gut mit uns. Die Sonne schien und es war frühlingshaft mild.



Vom Hotel war es nicht weit bis zum Ufer der Moldau. Am "tanzenden Haus", einem dynamisch geschwungenen Bravourstück moderner Architektur, öffnete sich für uns zum ersten Mal der Blick zum Hradschin und zur Prager Burg. Nun wussten wir, in welcher Richtung wir auf der Uferpromenade zu wandeln hatten. An dieser Stelle schnell noch eine allgemeine Bemerkung zur Architektur in Prag. Wer sich für Stilepochen und Bauwerke interessiert, kann sich hier wie in einer Fundgrube fühlen. Vom Mittelalter bis in die Moderne hat hier jede Zeit bemerkenswerte Musterstücke hinterlassen. Gotik und Jugendstil stehen einträchtig wie harmonisch nebeneinander. Es ist ein wirkliches Glück, dass Prag von den Feuerwalzen des Bombenkrieges und überambitionierten Stadtplanern verschont wurde. Es war für uns ein wahres Vergnügen, durch die Altstadt zu spazieren und die alten Gebäude und hübschen Fassaden zu bewundern.



Unsere nächste Station war die Karlsbrücke - die steht natürlich ganz weit oben auf dem Pflichtprogramm jedes Prag-Besuchers. Wie es schien, waren sie alle gerade da. Wir mischten uns in das Gewimmel aus Straßenhändlern und Touristen. Bei den Skulpturen auf den Brückenmauern beließen wir es beim Betrachten. Wir sind nicht so kundig, was die dargestellten Heiligen betrifft, und auch die Wunder, die man durch das Berühren von Reliefs bewirken kann, liegen für uns im Verborgenen. Doch ein wenig Gespür für Ästhetik genügte auch, um sich an ihnen zu erfreuen und den Hauch der Geschichte zu spüren.



Ein Blick auf die Uhr, wir hatten noch viel Zeit. Also hinüber in die Burgstadt, die Gassen erkundet, die Plätze überquert und den Berg hinauf. Dort schauten wir uns gründlich um. Das Schloss, die romanischen Türme der Basilika, der gotische Veitsdom in seiner imposanten Wucht, das Goldene Gässchen mit den an die Burgmauer geschmiegten Miniaturhäusern. So schön wie der Rundgang ist auch der Blick auf die Stadt. Die tiefstehende Sonne in unserem Rücken, erstrahlen die Dächer und Türme der Stadt. Zum Altstädter Rathaus, auch das darf man nicht verpassen, schien es gar nicht mehr weit, doch diesen Weg wollten wir uns dann doch besser für den nächsten Tag aufheben.



Zur Burg hinauf waren wir von der Schlossseite gekommen, auf den Rückweg machten wir uns durch das hintere Burgtor, wo es zügig wieder zum Ufer der Moldau hinabging. Danach war es Zeit, über die abendliche Planung nachzudenken. Restaurants mit bodenständiger böhmischer Küche und heimischem Bier gibt es in Hülle und Fülle. Auch abseits der touristischen Hauptwege muss man vermutlich nirgendwo lange suchen. Auch wir wurden schnell fündig, setzten uns an einer hölzernen Tafel auf rustikale Stühle, aßen deftig und reichlich und freuten uns über den aufmerksamen Service, immer gut gefüllte Gläser zu haben.



Zum Ausklang des Tages gingen wir noch einmal zur Karlsbrücke zurück, um den Blick auf den Burgberg im goldenen Licht der abendlichen Beleuchtung zu genießen. Es liegt auf der Hand, dass uns im Hotel mit dem Ausschalten des Lichts der Schlaf übermannte.

#Dagewesen: März 2015 | Weiter zu Teil 2

Erhaben präsentiert sich die Saar nahe Mettlach. Sie windet sich um einen Bergrücken, den sie selbst mit unvorstellbarer Ausdauer aus der Landschaft gewaschen hat. Ruhig fließt sie durch ein tiefes Tal mit bewaldeten Hängen und arbeitet bis in alle Ewigkeiten weiter an ihrem Bett. Mit Fug und Recht zählt die Saarschleife zu den bekanntesten Ausflugszielen des Saarlandes. Den zweifellos schönsten Blick bietet der Aussichtspunkt Cloef, von dem aus man die weit gestreckte Schlaufe im Flusslauf bewundern kann. Ein Panorama, das jeden sofort zum Fotoapparat greifen lässt.



Ich war vor rund einem viertel Jahrhundert schon einmal hier, als sich die Wälder herbstlich färbten. Ich hatte meiner Frau davon vorgeschwärmt und nun wollte ich ihr die Aussicht zeigen. Ich konnte mich erinnern, dass ich beeindruckt war - an den Weg dorthin aber nicht. In Mettlach sahen wir Hinweisschilder zur Saarschleife, doch gleich kam mir die Sache falsch vor. Der Weg führte hinunter ins Tal und nicht in die Bergflanken hinauf. Das konnte nicht stimmen und so war es auch: Die Straße endete am Ufer der Saar an einem Fähranleger. Hier hätten wir das Auto parken und zu einer ausgedehnten Wanderung aufbrechen können. Eine Info-Tafel empfahl eine Route zur Burgruine Montclair. Auch nicht schlecht, aber erstens ein stattliches Stück Weg und zweitens unerreichbar auf der anderen Flussseite, denn die Fährsaison hatte noch nicht begonnen. Unser eigentliches Ziel war auf der Tafel mit einem Punkt gekennzeichnet, doch der Weg dorthin war nicht erkenntlich. "Cloef" war das Wort, dass wir uns merken und nach dem wir Ausschau halten mussten. Also zurück und neu angesetzt.

Nachdem wir wussten, dass der Aussichtspunkt Cloef heißt, wurde die Anfahrt zum Kinderspiel. Saarschleife unten, Panoramablick oben - das war doch logisch. Und Hinweisschilder standen plötzlich überall. Cloef befindet sich nahe Orscholz, einem Stadtteil von Mettlach, hoch oben, nahe dem Berghang am Scheitelpunkt der Saarschleife. Hier gibt es einen riesigen Parkplatz und ein etwas überdimensioniert geratenes Besucherzentrum, das Cloef-Atrium. Das war schon ein wenig anders als der unbefestigte Wendeplatz, auf dem ich dereinst aus dem Bus gestiegen war.



Zum Aussichtspunkt war es von hier nur noch ein kurzer Spaziergang mit hübscher Dramaturgie. Erst ging es wie durch einen Park, mit befestigten Wegen und Bänken. Der Rasen war von Schnee überpudert, ein letztes Aufbäumen des Winters, schließlich war schon Mitte März. Vor den Waldrand gestellt die aus grün getünchten Brettern genagelte Ermunterung: "Locker bleiben". Dann schlängelt sich der Weg zwischen die Bäume, die als Sichtbarriere den großen Moment hinauszögern, wenn man wie auf eine Tribüne heraustritt. Plötzlich prescht der Blick in die Weite - und lenkt ab von den Stufen, die zur Schutzhütte hinabführen. Den unvermeidlichen Stolperer nahm ich aber nur am Rande wahr, alle Aufmerksamkeit galt jetzt der vor uns ausgebreiteten Welt.

Auf der Plattform vor der Hütte, hoch über dem Tal, steht man wie auf einem Balkon. Beide Flanken der graziösen Windung der Saar sind einsehbar und der Blick geht weit über die Landschaft bis zu einem fernen Horizont. Hier lässt es sich Verweilen und über die Winzigkeit der menschlichen Existenz nachsinnen. Die Natur verweist uns auf die Plätze und zeigt uns, dass sie mit einem viel größeren Plan beschäftigt ist.



Unser Besuch an der Saar fällt mit einer Zeit zusammen, in der mich die Vorboten einer bösen Krankheit beschäftigten. Vielleicht machten mich die Sorgen und Ängste, die mich unausweichlich als Reisegepäck begleiteten, besonders sensibel dafür, die ewige Schönheit dieses Panoramas zu genießen. Wie für mich gemacht erschien mir auch der Galgenhumor von Wilhelm Busch, deren Verse auf einer Platte an der Innenwand der Hütte befestigt waren. Passend dazu als Wetterhahn auf dem Dach die Katze, die dem arglosen Vögelchen auf der Spitze ans Leben will.

Wer das Saarland besucht, sollte sich einen Abstecher an diesen imposanten Ort nicht entgehen lassen. Der Ausblick ist wirklich einmalig und wird fortan garantiert zu den unvergesslichen Erinnerungen zählen.

#Dagewesen: März 2013

Immer wieder einmal führen die Wege nach Frankfurt am Main. Meist nutzt man die Stadt als Verkehrsknoten, ist auf dem Weg irgendwo hin, steigt einfach nur um und nimmt maximal die Skyline wahr. Oder ein dienstlicher Termin wartet, wegen Stau oder Verspätung ist man stets spät dran und hetzt nur durch die Straßen. Gut, auch für uns war Frankfurt eigentlich nur Etappenziel, doch wir hatten uns vorgenommen, eine ausgiebige Pause mit Spaziergang einzulegen.



Obwohl es schon hart auf Mittag geht und es ein Werktag ist, haben wir keine Probleme einen Parkplatz zu finden. Direkt am Main steigen wir aus, die stählerne Brücke zur Altstadt hinüber ist bereits in Sichtweite. Wir schlendern am Fluss entlang, bestaunen die Hochwassermarken am Brückenfundament, gehen Richtung Dom.



Es ist nicht schwer, sich in Frankfurt zu orientieren. Irgendwie steht alles, was für sehenswert erachtet wird, in Beziehung zum Fluss. Natürlich wollen wir zum Römer, einen Blick auf die Paulskirche riskieren und Wolkenkratzer schauen. Auch Schiller und Goethe treffen wir unterwegs - und grüßen höflich.



Und auf der Zeil wollen wir flanieren - und endlich einen Happen essen. Wir entscheiden uns für einen schnellen Snack beim Bäcker, besorgen noch Batterien für den Fotoapparat (wozu ist man schließlich auf einer Einkaufsmeile) und laufen noch einen großen Bogen durch den gläsernen Häuserwald zum Parkplatz zurück. Beeindruckt von ihrer schieren Höhe knipsen wir die kühl glänzenden Fassaden. Alles Hochformat, anders geht gar nichts, und alle Bilder durchweg nicht vorzeigbar. Wer das nicht versteht, war noch nicht da.


#Dagewesen: März 2013

Morgenröthe-Rautenkranz. Das ist doch mal ein schöner Name für einen Ort. Wie melodisch und anheimelnd. Und auch mit seiner Lage, in einem Tal zwischen bewaldeten Bergen, macht er seinem Namen Ehre. Zwischen Fernstraße und Bahngleis hat sich die Zwickauer Mulde ein idyllisches Bett gespült, schlängelt sich munter als kleines Bächlein durch satte Wiesen. Hier lässt sich gut wandern und Wintersport treiben, hier warten Bergbautradition und Kunsthandwerk. Ein wenig erzgebirgisch ist es hier schon, das Vogtland. Und jeder, der in der DDR aufgewachsen ist, weiß, hier ist die Heimat unseres Fliegerkosmonauten Sigmund Jähn.



Im Sommer 1978 flog Sigmund Jähn als erster Deutscher zur russischen MIR-Station hinauf. Mit einer ständigen Ausstellung wurde Morgenröthe-Rautenkranz kurz darauf zum Wallfahrtsort für Kosmos-Begeisterte. Mitte der achtziger Jahre war ich zum ersten Mal hier, damals wurde die Heldentat noch im Bahnhofsgebäude gewürdigt. Heute gibt es einen modernen Bau, mit blauer Hülle und dem Charme einer Lagerhalle. Doch das funktionelle Gebäude beherbergt eine Schau, deren Besuch sich lohnt. Die "Deutsche Raumfahrtausstellung" zur Geschichte der Raumfahrt und Weltraumforschung hat den einst beengten Blick auf die sowjetischen Erfolge erweitert, zu den Kosmonauten haben sich die Astronauten gesellt, außer Sojus-Raketen starten auch Modelle von Apollo und Ariane in ihre Umlaufbahnen. Und was ich dazugelernt habe: Auch Ulf Merbold, der erste Bundesbürger im All, war einst im Vogtland zu Hause.

Auf dem Freigelände wurde ein Planetenpark angelegt, der unser Sonnensystem (ich vermute maßstabsgetreu) darstellt und eine Ahnung von den Dimensionen außerhalb unseres irdischen Daseins bietet. Neben dem Spielplatz steht wie ein Denkmal eine MiG 21, das Jagdflugzeug von Sigmund Jähn, dessen Laufbahn militärisch begonnen hat.



In der Ausstellung finden sich Raumanzüge, Raketenmodelle, Bilder und technisches Gerät, das einen vielseitigen Einblick in die Entwicklung der Weltraumforschung gibt - vom Sputnik bis zur ISS. Eine besondere Anziehungskraft auf die Besucher geht vom Trainingsmodul der MIR-Station aus. So ging es also zu, in der Schwerelosigkeit. Verblüfft schauten wir, wie schlicht, wie einfach, wie untechnisch, wie russisch das heute alles wirkt. So beengt hatten die Kosmonauten also teils über Monate gelebt und gearbeitet. Fast unvorstellbar. Überall Riemchen und Haltegurte, kleine Schubladen und versteckte Fächer. Eine kleine Luke zum Andocken der Sojus-Kapsel, der einzige Weg zurück in die Welt. Und die Toilette - für uns Erdgebundene besonders interessant.

Wieder am Eingang zurück, fragte ich die Kartenverkäuferin, ob es nicht früher auch die originale Landekapsel zu sehen gab, signiert von Jähn und Bukowski, nachdem sie in der kasachischen Steppe gelandet waren. "Nein, nie", rief auch gleich einer der Einheimischen aus der zweiten Reihe. In dieser Frage trügte mich die Erinnerung, es wird sich wohl um ein Foto gehandelt haben - stand nicht auch Sigmund Jähn dabei, noch mit dem Stift in der Hand? Und dann fiel mir ein, wie wir am 3. September 1978 alle vor dem Fernseher saßen. Ich war Lehrling damals. Wir unterbrachen die Ausbildung, gingen hinaus und schauten auf den kleinen Schwarz-Weiß-Bildschirm, den man in den Schatten eines Baumes gerückt hatte. An Fallschirmen segelte die Kapsel herab und wir drückten die Daumen für die letzten Meter. Was waren wir stolz auf ihn, unseren Kosmonauten Sigmund Jähn.

#Dagewesen: Mai 2011

Tropfsteinhöhlen sind Reisen in die Erdgeschichte. Wasser und Kalk haben während unvorstellbar langer Zeiträume eindrucksvolle Gebilde und Räume geformt, die unsere Fantasie beflügeln. Die Bärenhöhle und die mit ihr verbundene Karlshöhle in der Schwäbischen Alb sind auf 270 Metern für Besucher begehbar und zählen damit zu den größten und imposantesten natürlichen "Unterwelten" in Deutschland.



Die Führungen durch die Höhlengewölbe beginnen am Fauthloch. Der Eingang hat seinen Namen vom Lehrer Fauth, dem im Jahre 1834 beim Kräuter sammeln seine Tabakdose in einen Felsspalt fiel und ihm so den Weg in die Höhle wies. Er war jedoch nicht der erste Entdecker. Auf dem Grund des Spalts häufte sich Unrat, dazwischen menschliche Skelette, wohl Pestopfer, die im Mittelalter hier würdelos entsorgt wurden. Nach Fauths Entdeckung dauerte es nicht lange und die imposante Höhle entwickelte sich zu einer Attraktion. Zu Ehren des Besuchs von Kronprinz Karl von Württemberg, der ihr auch seine Aufwartung machte, erhielt sie den Namen "Karlshöhle".



Der Pfad durch die bizarren Tropfsteinformationen ist für die Besucher komfortabel mit Treppen und Geländern ausgebaut. Die Beleuchtung und die Blitzlichter der Fotoapparate haben dazu geführt, dass sich auf den Gesteinen in grünen Schleiern Moos ausbreitet. Das UV-Licht sei der Grund dafür, wurde uns erklärt. Nach den Millionen von Jahren, in denen sich die Höhlen formten, hat der Mensch in kürzester Zeit unauslöschliche Spuren hinterlassen und erfreut sich nun daran, in den Steinen Gesichter und Figuren, Marienbilder und sogar ein getropftes Schloss Lichtenstein erkennen zu können. Licht und Schatten leisten dabei einen nicht unerheblichen Beitrag.



Funde belegen, dass die Höhlen seit frühester Zeit immer wieder Besucher und Bewohner hatte. Bis in die Bronzezeit gehen die Spuren zurück, die Menschen hinterlassen haben und natürlich suchten auch Tiere hier Schutz. Mitte des vorigen Jahrhunderts wurde hinter einem Felsüberhang die Verbindung zu einer benachbarten Höhle entdeckt. Angesichts der vielen vorgefundenen Skelette von Bären lag nahe, sie "Bärenhöhle" zu taufen. Sie beeindruckt besonders durch die Größe des Höhlenraumes, der sich wie das Dach eines Domes über die Köpfe spannt. Eine Gruppe von Jugendlichen ließ sich von der Höhlenführerin dazu animieren, ein Lied anzustimmen. Die Demonstration der beeindruckenden Akustik fiel etwas zaghaft aus, erfüllte aber ihren erheiternden Zweck.

Der Tatzenabdruck auf dem Geheweg vor dem Eingang zur Höhle zählt übrigens nicht zu den authentischen Spuren, die hier von Bären hinterlassen wurden.

#Dagewesen: November 2010