"Zusammen mit dem Spiel von Ebbe und Flut erhebt sich hier ein herrliches, dem Sonnenaufgang zugewandtes Paradies." So oder ähnlich sollen es die irischen Mönche ausgedrückt haben, als sie an der Mündung des Flusses Aulne im Norden der bretonischen Halbinsel Crozon im Jahre 485 eine Abtei gründeten. Der Standort war wirklich gut gewählt. Die Landmassen der Halbinsel wehren die Unbilden des wilden Atlantik ab, die Meeresbucht läuft hier zu einer seichten Lagune aus. So konnte über die Jahrhunderte ein Kloster wachsen und ein kleines Dorf gesellte sich dazu: Landévennec.



In Landévennec leben nur ein paar hundert Menschen. Ihre Dorfkirche direkt am Ufer steht bei Flut mit ihrem Sockel im Meer, blütenreich wuchernde Büsche von Hortensien und Rhododendron verschönern die Häuser, Apfelplantagen sorgen für Cidre-Nachschub und selbst Palmen fühlen sich im milden Klima der Niederung wohl. Ein beschauliches, ruhiges Dorf. Ideal für einen entspannten Urlaub.



Unser Feriendomizil mitten im Dorf, Schulter an Schulter mit anderen alten Häusern, hatte uns ein Freund überlassen. Es war schon eine Weile nicht mehr genutzt worden. Also weckten wir es aus dem Dornröschenschlaf, ließen Licht und frische Luft herein und nahmen es in Besitz. Es war alles da, was wir für unbeschwerte Tage benötigten, vor allem viel Platz. Ein besonderes Highlight war die große Dachterrasse mit exklusivem Blick auf die Klosterruine und über die Bucht.



Natürlich besuchten wir gleich in den ersten Tagen die benachbarte Klosterruine mit zugehörigem Museum und verbrachten einen Nachmittag zwischen geborstenen Mauern, alten Büchern und Mönchskutten. Mönche aus Irland unter Führung des Heiligen Saint-Guénnolé haben im 5. Jahrhundert nahe dem Ufer eine erste Abtei gegründet. In dieser Zeit gab es eine Einwanderungswelle christianisierter Kelten in die Bretagne und die Mönche lebten zunächst als Eremiten nach keltischen Riten. Ab dem 9. Jahrhundert hatten die Benediktiner das Sagen und das Kloster erlebte seine Blütezeit. In den Wirren der Französischen Revolution wurde die Klosteranlage zerstört und blieb fortan eine Ruine. Heute ist das Gelände archäologisch erschlossen, die Mauerreste sind gesichert und lassen die Dimensionen der Anlage in der karolingischen Zeit erahnen.



Nach Jahrhunderten der Abwesenheit sind seit 1950 die Benediktiner zurückgekehrt. Unweit der Ruinen der alten Abtei haben sie ein neues Kloster gegründet. Es gibt also wieder Mönche in Landévennec.

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Unser Urlaub auf der Halbinsel Crozon war in vielerlei Hinsicht eine Premiere. Es war unser erster Besuch in der Bretagne, besser gesagt in Frankreich überhaupt. Nie zuvor hatten wir die Reisevorbereitungen so umfassend selbst in der Hand: Das Ferienhaus gehörte einem Freund, es galt die Flüge zu finden und zu buchen, vorab einen Mietwagen zu organisieren und die Route zum Ziel präzise zu planen. Für diese besondere Reise hatten wir uns endlich auch eine Digitalkamera zugelegt. Die Auflösung der Bilder war damals noch nicht besonders gut. Außerdem wundere ich mich rückblickend heute darüber, warum wir eigentlich so wenige Fotos gemacht haben. Entweder waren wir noch von der Sparsamkeit analoger Zeiten geprägt oder bot die Speicherkarte nur wenig Platz? Wie auch immer, inzwischen gibt es solche Fragen nicht mehr. Doch mit den Unzulänglichkeiten der Anfangszeiten müssen wir nun leben.



Die Anreise funktionierte nach Plan. Mit dem Taxi nach Tegel, mit Air France nach Paris. Der Flughafen Charles de Gaulle war gigantisch wie erwartet, doch der Transfer per Bus zum nächsten Terminal klappte reibungslos. Wir vertrauten darauf, dass unser Gepäck seinen Weg in die nächste Maschine allein gefunden hatte und schon ging es weiter nach Brest - inklusive Blick auf den Ärmelkanal und den Golf von Saint-Malo. In Brest angekommen, standen wir an der Autovermietung zum ersten Mal vor einer sprachlichen Hürde. Wir konnten kein Französisch, die Mitarbeiter weder Englisch noch Deutsch. Wir nickten ab, was man uns erzählte, legten unsere Reservierung vor und unterschrieben, was man uns vorlegte. Ein Opel Corsa auf Parkplatz 33, so viel hatten wir verstanden. Dort stand auch ein Corsa, doch der Schlüssel passte nicht. Wir probierten ihn in der Nachbarschaft und wirklich, zwei Stellplätze weiter öffnete sich für uns eine Tür. Der Schlüssel passte, der Motor sprang an, ab zur Straße Richtung Süden. Es war bereits gegen 19 Uhr, als wir über die imposant geschwungene Schrägseilbrücke Pont de Térénez hinweg die Halbinsel Crozon erreichten. An einem Supermarkt im nächsten Ort versorgten wir uns mit dem Nötigsten für den ersten Abend und folgten weiter unserem aus Skizzen und Notizen bestehenden Routenplan nach Landévennec: Zur Dorfmitte, dann rechts halten, ein zweistöckiges Haus auf der linken Seite, rote Tür, der Schlüssel passte.



Die Halbinsel Crozon gehört zum bretonischen Département Finistère und liegt in der Mitte einer riesigen Atlantikbucht zwischen den Landspitzen Pointe Saint-Mathieu im Norden und Pointe du Raz im Süden. Unweit von Brest ragt sie wie eine ausgestreckte Hand mit meerumspülten Fingern in die Bucht. Die Ufer Crozons sind geprägt von Felsformationen, Steilküsten, Klippen und Grotten, zwischen denen sich immer wieder auch Sandstrände finden. Die zerklüftete Küste geht landeinwärts in sanft geschwungene Heidelandschaften über. Die höchste Erhebung der Halbinsel ist mit über 300 Metern der Berg Ménez-Hom, bei dem es sich um einen erloschenen Vulkan handeln soll, um den sich viele keltische Sagen ranken. Weil er nur spärlich bewachsen ist, bietet sein Gipfel einen imposanten Rundumblick über die Halbinsel und die Buchten, bei klarer Sicht sogar bis nach Brest.



Auf Crozon gibt es auf Schritt und Tritt etwas zu entdecken. Es würde den Rahmen sprengen, hier alle Ausflugstipps aufzählen zu wollen. Jeder sollte sich von seinen eigenen Interessen leiten lassen. Beim Erkunden der Naturschönheiten kann man von einer Landspitze zur nächsten wechseln und sich immer wieder neu vom Blick auf den Atlantik begeistern lassen. Entlang der Küste finden sich Leuchttürme, Denkmäler und Festungsbauwerke verschiedenster Epochen. Das Cap de la Chèvre, die Pointe de Penhir und die Pointe des Espagnols sind gewissermaßen die felsigen Fingerspitzen der Inselhand und sollten als spektakulär gelegene Aussichtspunkte auf jedem Besuchsplan stehen. Der größte Ort der Halbinsel ist das Städtchen Crozon. Es ist schnell erwandert und besonders an Markttagen einen Ausflug wert. Crozon verschmilzt mit dem Hafendorf Morgat, von wo aus Bootsfahrten zu Grotten an der Steilküste gebucht werden können. Ein sehr schöner Ort ist Camaret-sur-Mer, einst der größte Langustenhafen Frankreichs. Hübsche Häuser reihen sich um eine seichte Bucht, die bei Ebbe trocken liegt. An der Hafenausfahrt erhebt sich der sechseckige Vauban-Turm, ein mehrstöckiges Verteidigungsbauwerk aus dem 17. Jahrhundert.



Die Halbinsel wurde bereits in vorgeschichtlicher Zeit von Menschen bewohnt. Davon zeugen große Menhire (Hinkelsteine, z.B. am Pointe de Lostmarc'h), Dolmen (Grabanlagen, z.B. in Rostudel) und Steinreihen (z.B. Lagatjar nahe Camaret). Die Steinreihen von Lagatjar bestehen heute noch aus dutzenden Megalithen, ursprünglich sollen es über 400 Steine in mehreren Reihen gewesen sein. Sie hatten wohl kultische Bedeutung. Fast ein wenig wie Stonehenge. Eine weitere historische Besonderheit, die es in dieser Form nur in der Bretagne zu sehen gibt, sind die umfriedeten Pfarrbezirke. Auf dem Foto ist das Triumphtor zur Kirche von Argol zu sehen. Die kunstvollen Ensembles entstanden ab dem 16. Jahrhundert und umgaben Kirche, Friedhof und Beinhaus. Durch das Triumphtor gelangt man zu einem mit prächtigem Figurenschmuck verzierten Kalvarienkreuz, dem Zentrum des Pfarrbezirkes. Solche Umfriedungen sind in vielen Orten zu sehen und scheinen sich in ihrem Prunk gegenseitig überbieten zu wollen.

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Auf in den Norden von Lanzarote. Auch hier hat Vulkanismus weite Flächen in Malpais - von Lavagestein übersätes, ödes Land - verwandelt. Das geschah vor rund 4.000 Jahren und der Verursacher, der Vulkan Montaña Corona, steht als schlafender Riese, mit mächtigem Kegel alles überragend, in der Landschaft. Hier gibt es zwei Attraktionen zu entdecken: die Höhlen Cueva de los Verdes und die Grotten Jameos del Agua. Fast erübrigt es sich zu erwähnen, dass auch hier der Inselkünstler César Manrique mit seinen Ideen maßgeblich an der Gestaltung beteiligt war.



Zuerst besuchten wir die Cueva de los Verdes, ein Labyrinth aus Höhlen, die wie ein Kanalsystem über sieben Kilometer vom Vulkan Corona bis ans Meer führen. Natürlich ist nur ein kleines Stück davon für Besucher zugänglich, doch dieser Bereich ist mit Licht und mystischen Klängen wirkungsvoll in Szene gesetzt. Der Zugang erfolgt an einer Stelle, in der die Höhlendecke eingestürzt ist. Zunächst sammelten wir uns vor dem Eingang zu einer Gruppe und folgten dann unserem Führer den steil hinabführenden Weg ins Dunkel. Bei den Höhlen handelt es sich um Lavaröhren. Vor tausenden Jahren floss hier ein glühender Strom entlang, der von außen langsam erkaltete, während unter der erstarrten Haut das flüssige Gestein wie in einer Rohrleitung weiter dem Meer entgegen strebte. Wir erfuhren, dass wir uns in einem der weltweit längsten Lavatunnel der Welt befanden, der zu großen Teilen noch unerforscht ist und aus mehreren benachbarten Röhren besteht. Wie bei von Wasser ausgewaschenen Markierungen waren an den Felswänden die Pegel erkennbar, in welcher Höhe hier einst die Lava entlang geflossen war.



Der Weg durch die Höhlen ist zwar gut ausgebaut, doch höchste Aufmerksamkeit war geboten. Immer wieder gab es Stufen, legten sich Stolpersteine in den Weg, galt es den Kopf einzuziehen, schoben sich die Felsen zu engen Durchgängen zusammen, um sich dann wieder zu großen Hallen zu öffnen. Die eindrucksvolle Beleuchtung hob für uns das Spiel von Formen und Farben hervor, bis wir einen unterirdischen Konzertsaal erreichten. Bei dezenten gregorianischen Gesängen würdigten wir die perfekte Akustik - doch Konzerte, wurde uns erzählt, fänden hier nicht mehr statt, weil sich der Komfort der Gäste, beginnend bei den Toiletten, so weit unter der Erde nicht gewährleisten lasse. Seit Jahrhunderten jedoch sei dieser Ort für die Inselbewohner eine Kathedrale der Natur, in der sie früher gelegentlich vor Piratenangriffen Zuflucht suchten. Auf dem Weg zurück ans Licht gab es noch einen kurzen Halt an einem unterirdischen See. Wer dessen überraschendes Geheimnis erfahren möchte, muss sich jedoch selbst einmal hierherbemühen.



Auch die Jameos del Agua gehören zu der eben besuchten Lavaröhre und befinden sich ein gutes Stück näher am Meer. "Jameo" ist ein Wort aus der Sprache der Ureinwohner und bedeutet soviel wie "Loch in der Erde". Die Hohlräume hier sind teilweise eingestürzt und haben imposante Grotten gebildet. Hinunter gingen wir über einen serpentinenartigen Wandelgang aus Treppen, gesäumt von exotischen Pflanzen. Ein großes Sonnensegel, das wie ein Baldachin über den Eingang gespannt ist, tauchte den Hang in rötliches Licht und half unseren Augen dabei, sich an das Dunkel in der Grotte zu gewöhnen. Der Anblick hat einen wirklich unvergesslichen Zauber. Das grelle Tageslicht vom Ausgang gegenüber spiegelt sich in einem Salzwassersee, der von einem schmalen Weg gesäumt ist. Im See leben die berühmten blinden Albinokrebse, nicht größer als eine Cent-Münze, von denen nicht bekannt ist, wie sie hier her kamen. Ihr eigentlicher Lebensraum ist die Tiefsee des Ozeans, doch auch hier fühlen sie sich scheinbar wohl und sie krabbeln wie kleine Spinnen überall auf den Steinen im klaren Wasser. Der Wasserspiegel des Höhlensees, erfuhren wir, steigt und fällt im Wechsel der Gezeiten des nahen Atlantiks. Bei unserem Besuch, vermuteten wir, ging es wohl gerade auf die Flut zu.



Kaskaden aus Steintreppen auf der anderen Seite des Sees ging es dem nächsten Höhepunkt entgegen. Der offene Höhlengrund ist wie ein Paradiesgarten gestaltet: Ein in Weiß gefasster Pool, von Lavagestein und Palmen gesäumt und durch steil aufragende Felswände begrenzt, wirkt wie eine entrückte Oase. Da ist Manrique ein echtes Gesamtkunstwerk gelungen. Die Wege führen weiter in eine dritte Grotte, die als Veranstaltungssaal für 600 Gäste gestaltet wurde. Hier ein Konzert zu erleben und in der Pause am Wasserbecken vorbei zur offenen Bar zu schlendern, muss ein einmaliges Erlebnis sein. Wir schauten uns das Werbeplakat mit den nächsten Terminen an - und mussten uns mit unserem Vorstellungsvermögen begnügen.



Eine nächste Steintreppe hinauf kamen wir schließlich zum "Haus der Vulkane". Direkt über dem Felsendach der Hauptgrotte gibt es hier - informativ und unterhaltsam aufbereitet - viel über die Geologie und den Vulkanismus auf Lanzarote zu erfahren. Wir schlenderten mit wechselndem Tempo durch die Ausstellungsräume und genossen von einer Terrasse den Blick auf die idyllische Gartengrotte und die sie umgebende karge Lavalandschaft. Erst als wir wieder in unser Auto stiegen, spürten wir, mit wie viel Laufarbeit unser heutiger Ausflugstag verbunden war. Es war Zeit für den Hotelpool.

#Dagewesen: Juni 2018
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Im Grunde ist die Überschrift ungenau, denn Spuren von César Manrique sind auf Lanzarote allgegenwärtig. Der Rundbau auf dem Feuerberg, der Kaktusgarten, die Grotte der Albinokrebse, die Windspiele an den Straßen und vieles mehr: alles von ihm. Trotzdem ist es so, dass wir diesen Urlaubstag dem berühmten Sohn der Insel widmen wollten, beginnend bei der von ihm gegründeten Stiftung in seinem ehemaligen Wohnhaus am Rand von Tahiche.



César Manrique war Künstler - Maler, Architekt, Bildhauer und Umweltschützer - und sah es als seine Aufgabe, die Insel Lanzarote zum schönsten Platz der Erde zu machen, an dem Tradition und Moderne, Kunst und Natur miteinander harmonieren. Viele sagen, es sei sein Verdienst, dass Lanzarote die extremen Auswüchse des Massentourismus erspart geblieben sind. 1992 kam César Manrique bei einem Autounfall ganz in der Nähe der Stiftung ums Leben.



Das Künstlerhaus ist ein wirkliches Schmuckstück. Die weißen Mauern und das schwarze Lavagestein ringsum stehen in prägendem Kontrast, um das Haus herum ein blühender Garten. Alles sehr gepflegt und bis ins Detail inszeniert. Natürlich hat César Manrique dieses Anwesen selbst gestaltet und bis 1988 bewohnt. Danach ließ er alles für seine private Stiftung umbauen und das Haus wurde fortan als Museum, Ausstellungsort, Künstlertreffpunkt und schließlich touristische Attraktion genutzt. Neben Werken von Manrique selbst gibt es in den Räumen auch Bilder von Picasso und Miró zu sehen. Ausgestellt wird auch seine Sammlung kanarischer Kunst. Besonders eindrucksvoll: Von den Bildern an den Wänden schwenkt der Blick auf ein Fenster, das selbst Kunstwerk ist, und durch dessen Glasfläche die Lavamassen in den Raum zu fließen scheinen.



Spektakulär ist auch das Untergeschoss. Unter dem Haus befinden sich fünf große Lavablasen, die durch Tunnel miteinander verbunden sind und als Wohnräume gestaltet wurden. Hier verschmelzen Natur und Architektur. Da strebt eine Palme durch eine Öffnung in der Decke dem Licht entgegen, da schmiegt sich eine geschwungene Sitzgruppe ins Gestein, dort fängt eine Skulptur die Blicke der Besucher - bis man einen in grün gefassten offen Hof mit Pool und gemütlich anmutender Grillecke betritt. Wir waren beeindruckt und mussten neidlos anerkennen, dass Señor Manrique geschmackvoll zu wohnen wusste. Fast vergaßen wir, dass es sich doch inzwischen um Ausstellungräume handelte.



Die nächste Station unseres Manrique-Tages war das Monumento Campesino - das Denkmal für die Inselbauern. Es befindet sich an der geografischen Mitte Lanzarotes, ist durch seine imposante Größe weithin sichtbar und das strahlende Weiß vor blauem Himmel macht es zu einem beliebten Fotomotiv. Die Skulptur, so wird berichtet, ist aus alten Wassertanks von Fischerbooten gefügt und soll einen Bauern mit seinen Arbeitstieren symbolisieren. Ein eindrucksvolles Kunstwerk, das dem harten und entbehrungsreichen Leben der Bauern gewidmet ist. Den ländlichen Traditionen und dem Handwerk widmet sich auch das Bauernmuseum gleich nebenan - zu dem außerdem ein in einer Vulkangrotte gelegenes Restaurant gehört.



Weiter geht es in den Norden der Insel, zum Aussichtspunkt Mirador del Rio. Am Rand eine Steilküste, mehr als 400 Meter über dem Meer, hat César Manrique hier eine Plattform in den Fels gesetzt, deren zwei runde Panoramafenster wie Augen in die Ferne schauen. Was früher eine Festung mit Geschützen war, wurde mit wirklich ambitionierter Architektur veredelt. Wir waren von der Kühle und Heftigkeit des Windes überrascht, doch der Blick in die schroffe Tiefe, über die Meerenge auf die kleine Insel La Graciose und in die Weite des Atlantiks entschädigten dafür. Drinnen vor den Panoramaaugen tankten wir bei Cappuchino und Pannini wieder etwas Wärme und waren erneut beeindruckt: diesmal von der extrem lauten Akustik des Raumes. Und noch ein Anekdötchen zum Schluss: Die Toiletten waren mit Hombres und Mujeres beschriftet - und die Herren, die des Spanischen auch nicht im Geringsten mächtig waren, fühlten sich von "Mujeres" magisch angezogen. Innerhalb weniger Minuten durfte ich mehrmals mit dem Hinweis aushelfen, dass es sich bei den Hombres um die Männer handelt.



Diese drei Stationen waren genug Manrique für einen Tag. Schließlich wollten wir noch etwas Sonne und Strand genießen. Über Haria mit dem Tal der tausend Palmen machten wir uns am frühen Nachmittag auf die Rückfahrt. Der Besuch bei den Jameos del Agua mit den Albinokrebsen war noch offen, wir kannten sie zwar bereits von unserem ersten Besuch aber freuten uns trotzdem darauf zu überprüfen, ob unsere Erinnerungen nur von der Zeit aufgehübscht oder tatsächlich begründet waren. Morgen also. Ein eigener Blogbeitrag folgt.

#Dagewesen: Juni 2018
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Lanzarote ist sehr einprägsam strukturiert. Alles hat seinen festen Platz, meist gesellt sich auch ein Dorf dazu. An der Ostküste, links und rechts der Inselhauptstadt Arrecife, reihen sich die Hotels für die Touristen. Im Südwesten bildet Yaiza das Tor zu den Feuerbergen - in einem Kreisverkehr auf der Zufahrt werben übergroße Dromedare für das Angebot, auf dem Rücken von Kamelen durch vulkanische Einöde zu zotteln. In La Geria wird Wein angebaut, in Teguise ist Wochenmarkt, Haria liegt im Tal der tausend Palmen, hinter San Bartolome steht am geografischen Mittelpunkt der Insel das Monumento al Campesino. Und es gibt Guatiza, das von Kaktusplantagen umgeben ist und einen berühmten Kaktusgarten hat. Genau der war unser Ziel und mit seiner baumhohen, stählern-stacheligen Kaktusskulptur vor dem Eingang nicht zu verfehlen.



Der Feigenkaktus - botanisch: Opuntia - gehört eigentlich nach Mittelamerika und kam im 19. Jahrhundert auf die Kanaren. Er wird nicht seiner eigenen Schönheit wegen hier gehegt, sondern weil er die Wirtspflanze der Cochenille ist, einer hellgrau schimmernden Schildlaus, aus der sich ein roter Farbstoff gewinnen lässt, der bei anderen für Schönheit sorgt. Genau gesagt, tragen die Läuse Karmin in sich, das für ein leuchtendes Purpur sorgt und früher als Naturstoff zum Beispiel für Lippenstifte oder im Campari genutzt wurde. Die Ernte der Cochenillen ist recht rabiat: Die Larven der Laus werden abgeschabt, gekocht, getrocknet und dann pulverisiert. Es liegt auf der Hand, dass Unmengen von Schildlauslarven nötig waren, um einen nennenswerten Ertrag damit zu erzielen. Entsprechend groß sind die Opuntien-Felder, die rund um den Ort die Hänge säumen. Heute, konnten wir unschwer erkennen, lohnt sich der Aufwand nicht mehr, doch noch lebt die Tradition. Immer wieder sahen wir Flächen, die offenbar seit langer Zeit sich selbst überlassen waren. Die kleinen Cochenillen auf den Kaktusohren müssen hier keine Schaber mehr fürchten.



Um den Feigenkaktus in der Trockenheit Lanzarotes anzubauen, ließen sich die Bauern etwas einfallen: Die Setzlinge bekamen ein Bett aus Vulkanasche, in der sich die Feuchtigkeit aus dem Tau der Nacht sammeln konnte. Gleich am Dorfrand von Guatiza wurde früher diese Vulkanasche in großem Stil abgebaut und eine riesige Grube entstand. Diesen offenen Steinbruch gestaltete der Künstler César Manrique zu einem Kaktusgarten um. Die Pläne dafür lagen bereits seit den siebziger Jahren in seinem Schreibtisch. Doch erst 1989 konnten die Arbeiten beginnen und bereits zwei Jahre später wurde Eröffnung gefeiert - und entstanden war ein botanisches Kleinod: Etwa 5.000 Quadratmeter groß, mit mehr als 10.000 Pflanzen von über 1.400 verschiedenen Kakteenarten aus der ganzen Welt.



Wenn in Reiseführern steht, der Jardín de Cactus sei eine kunstvolle Kombination aus schwarzem Vulkangestein und grünen Kakteen und César Manrique habe es einmal mehr geschafft, Architektur, Kunst und Natur harmonisch miteinander zu vereinen, kann ich nur ergänzen: Der Kaktusgarten ist einfach wunderschön. Er mutet beim Betreten an wie ein Vulkankrater oder ein Amphietheater. Er ist terrassenförmig angelegt, die Ränge sind in mehreren Ebenen bepflanzt und können von den Besuchern betreten werden. In der Mitte des Gartens, den man schon eher als Park bezeichnen kann, gibt es eine kleine Teichlandschaft, um die herum sich die Spazierwege schlängeln. Wir nahmen uns viel Zeit und erkundeten jede Ecke und Pflanze in dieser Kaktusarena. In Vulkangestein gefasst und kunstvoll gestaltet fügen sich selbst der Souvenirshop, das Restaurant und die Toiletten als eigenständige Attraktionen in das Gesamtensemble ein.



Auf dem Rand des Kaktusgartens steht eine hübsch restaurierte Gofio-Mühle. In ihr, heißt es, wurde früher Maismehl gemahlen und sie sei bis heute gelegentlich in Betrieb. Von der Mühle aus hat man den wohl besten Blick über das gesamte Rund der Gartenanlage mit seinen Terassen und lauschigen Wegen - die für gewöhnlich von Besucherscharen bevölkert sind. Wir waren dem Rat gefolgt, unseren Rundgang erst für den Nachmittag zu planen, wenn die Busexkursionen schon wieder auf dem Heimweg sind. Auch wenn die Bilder fast anderes vermuten lassen: Wir waren nicht allein, hatten aber viel Platz und Muße.



Wer Kakteen mag, hat hier seine Freude. Wir sind keine Experten und können die exotischen Formen und Blüten nicht beim Namen nennen. Schwiegermutterstuhl ist keine nette Bezeichnung für einen Kugelkaktus, doch um einiges eingängiger als Echinocactus. Aber wir ließen uns begeistern und fotografierten was das Zeug hielt. Es war gar nicht so einfach, sich hier für eine kleine Auswahl zu entscheiden. Doch das Bild eines knorrigen Kaktusriesen kann die echte Begegnung mit seiner stacheligen Haut und seinen zarten Blüten ohnehin nicht ersetzen.



Zum Abschluss noch ein Resümee, das nicht wirklich überraschen wird: Wer auf Lanzarote ist, sollte sich den Jardín de Cactus nicht entgehen lassen.

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Feuerberge heißt auf spanisch 'Montañas del Fuego'. Sie standen heute auf unserem Programm und wir machten uns am Morgen auf den Weg in den Nationalpark Timanfaya. Timanfaya ist der Name eines der Dörfer, das die Vulkane bei den letzten großen Ausbrüchen auf Lanzarote unter sich begraben haben. Geblieben ist eine unüberschaubare, leblose Fläche aus Schlacke und Asche, durch die eine schnurgerade Straße den mächtigen Vulkankegeln entgegen strebt. Wir versanken regelrecht in dieser bizarren Welt aus Urgewalten, deren Stille nur vom Wind gestört wird, der sich an kantigen Felsen bricht. Der Teufel ist das passende Symbol für diese Landschaft. Das also bleibt übrig, wenn er die Höllentore öffnet, den Boden bersten und die Erde brodeln lässt. Und alle wissen: Er ist nicht fort, er schläft nur gerade.



Wir waren zeitig aufgebrochen, um nicht in den großen Ansturm der Bustouren zu geraten. Doch wir waren nicht die einzigen mit diesem Plan. An der Zufahrt zum Touristenzentrum des Nationalparks herrschte bereits reger Andrang. Was wir zunächst für einen Stau hielten, war eine sehr sinnvolle Warteschlange. Die Straße für die letzte Etappe den Vulkanberg hinauf war so schmal, dass der Verkehr wechselseitig geregelt werden musste. An Stelle eines Randstreifens gab es eine erhabene Kante für den Absprung ins Geröll. Abenteuerlich klein wirkte auch der Parkplatz am Ziel, doch sofort nahmen uns Einweiser in Empfang, die mit routinierten Handbewegungen das Chaos dirigierten. Bevor wir uns nach dem Aussteigen auch nur grob orientieren konnten, wurden wir direkt in einen bereitstehenden Bus komplimentiert: Zuerst eine Rundfahrt, sie ist im Ticketpreis inklusive.



Die Busrunde, so verstanden wir schnell, ist die einzige Möglichkeit, die Kraterwelt des Nationalparks zu erkunden. Die Streckenführung windet sich um die Vulkankegel, führt waghalsig in die Höhen, passiert schmale Furten und erreicht luftige Aussichtspunkte. Das ist nur etwas für wirklich versierte Buspiloten und die Rundfahrt wurde in vielerlei Hinsicht atemberaubend. Unterwegs wurden wir über die Buslautsprecher mit Anekdoten und Informationen versorgt: Drei Viertel der Insel sind von Lava bedeckt, rund 100 Vulkane haben über 300 Krater gebildet. Sechs Jahre dauerten die Ausbrüche im 18. Jahrhundert, sie transportierten acht Millionen Kubikmeter Eruptivmaterial aus dem Bauch der Erde. Noch heute betrage hier die Temperatur nur wenige Meter unter der Oberfläche mehrere hundert Grad. Doch eindrucksvoller als die Daten und Fakten war die Landschaft, die wie langsam passierten. Sphärische Musik verstärkte den Eindruck, durch eine unwirkliche Welt zu schweben, die erst vor einem Augenblick zu Stein erstarrt ist. Unsere Blicke wanderten in eine scheinbar leblose Ferne, die rostbraunen Vulkanhänge hinauf und hinab in die Abgründe von Kraterrachen.



Die wellenartig erstarrte Lava vor dem Fenster, die noch erahnen lässt, wie sie sich als zähe Masse vorwärts wälzte und auftürmte, hörten wir dem Bericht des damaligen Pfarrers aus Yaiza zu, der als Augenzeuge erlebt hat, wie sich am Abend des 1. September 1730 die Erde öffnete: "Ein gewaltiger Berg bildete sich bereits in der ersten Nacht und Flammen schossen aus seinem Gipfel. Wenige Tage später brach ein neuer Schlund auf ... Die Lava floss nach Norden, anfangs wie sprudelndes Wasser, später zähflüssig wie Honig. Doch am 7. September stieg mit unheilvollem Donnern ein riesiger Fels aus der Tiefe und zwang die Lava dazu, ihren Fluss nach Westen und Nordwesten zu wenden. Dort zerstörte sie die Orte Maretas und Santa Catalina. Am 11. September erneuerte sich die Gewalt der Lava. Sie bedeckte und verbrannte das Dorf Mazo und stürzte danach acht Tage lang als feuriger Katarakt unter furchtbarem Tosen ins Meer, so dass tote Fische in riesigen Mengen an der Oberfläche schwammen oder ans Ufer geworfen wurden." Viele der Inselbewohner seien damals nach Gran Canaria geflüchtet und konnten nicht ahnen, dass die Eruptionen noch über Jahre weitergingen. Der Mensch fühlt sich klein, im Angesicht solcher Naturgewalten - steigt ergriffen aus dem Bus und bummelt dann durch den Souvenirladen oder bestellt sich im Restaurant "El Diablo" ein halbes Hähnchen, das auf einem Grill über einer tiefen Erdgrube mit der Hitze des Vulkans gegart wurde.



Das Restaurant "El Diablo" (Der Teufel) wurde mitten auf einen Vulkankegel gebaut. Direkt vor den Panoramafenstern steigt die Gluthitze aus dem Boden. Das krümelige Basaltgranulat zu unseren Füßen war überraschend warm, als wir es in die Hand nahmen. In ein Erdloch wurden für die Touristen immer wieder mit einer Forke Heuballen gehalten, die unmittelbar in lodernde Flammen aufgingen. Besonders spektakulär: In ein in die Erde gelassenes Stahlrohr wird Wasser gegossen, dass bereits nach wenigen Metern auf Temperaturen von über 400 °C trifft und explosionsartig verdampft. Eine Fontäne aus Wasserdampf schießt in die Höhe und lässt die Zuschauer ehrfurchtsvoll einen Schritt zurückweichen. Wir schauten uns diese Attraktion mehrfach an und machten uns dann auf den Weg zum Besucherzentrum des Nationalparks Timanfaya.



Das Besucherzentrum ist auf einer weiten Ebene aus Vulkangestein direkt in die meterdicke Schicht erstarrten Gesteins hineingebaut. Die weißen Mauern gehen direkt in die wild aufgeschichtete Schlacke über. Hölzerne Stege führen in das Meer aus Lava hinein und wir konnten uns anschauen, wie in das tot wirkende Areal zaghaft und ganz langsam durch Moose und Farne wieder das Leben zurückkehrt. Im Gebäude gibt es interessante Informationen über den Vulkanismus allgemein und auf Lanzarote im Besonderen. In einem Raum konnten wir sogar die Simulation eines Vulkanausbruchs miterleben. Zwar fand die Multimedia-Show gerade in der französischen Variante statt, doch das Grollen des Berges, das Brodeln im Krater und das Fließen der Lava über die Felsen sind in jeder Sprache verständlich.



Es waren faszinierende Stunden, die wir bei den Vulkanen verlebt haben. Wer Lanzarote besucht, sollte sie sich nicht entgehen lassen. Am frühen Nachmittag machten wir uns auf den Weg zurück in unseren Urlaubsort, zu den Palmen und Stränden. Auch von dort waren die fernen Feuerberge jederzeit sichtbar, doch nach dem Besuch nimmt man sie irgendwie anders wahr. Sagen wir: respektvoller.

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