Brandenburg: Wasserwege

Brandenburg hat sich herausgemacht, in den letzten Jahren. Die Zahl der schönen, einladenden Ecken der Stadt wird stetig größer. Nach und nach verschwindet der Grauschleier, den Stahlindustrie und Vernachlässigung hinterlassen hatten. Unübersehbar wird Staub gewischt, aufpoliert und erneuert. Wir sind oft hier und schauen der der Entwicklung zu. Diesmal hatten wir uns entschieden, Brandenburg von der Havel aus zu entdecken. Bei einer Dampferfahrt.
Der Schiffsanleger befindet sich zentral an der Jahrtausendbrücke. Sie ist nicht tausend Jahre alt, sondern erhielt ihren Namen bei ihrer Einweihung 1929 zur Erinnerung an die Tausendjahrfeier Brandenburgs. In den neunziger Jahren bekam sie eine komplett neue Gestalt, der Name jedoch blieb. Wer Brandenburg kennt, kennt auch die Jahrtausendbrücke und die Treppe, die zur Havel und zu den Anlegestellen führt. Von hier aus geht es auf den Fluss. Das Deck des Ausflugsschiffes ist bis zum letzten Platz gefüllt, die Sonne lacht von einem wolkenlosen Himmel herab. Also Leinen los!
Zunächst geht es Richtung Domstreng in eine offensichtliche Sackgasse. Schon nach wenigen hundert Metern stellt sich dem Flusslauf ein Häuserriegel in den Weg. Das Schiff muss bereits wenden, doch ohne diesen Abstecher würde uns der Blick zur Dominsel entgehen. Eine wichtige Station auf unserer Rundfahrt, denn die Insel ist die Wiege der Mark Brandenburg. Der Dom Sankt Peter und Paul ist die älteste Backsteinkirche der Mark, erzählt uns der Kapitän, der gleichzeitig Stadtführer ist und uns über Lautsprecher mit launigen Anekdoten unterhält. Im Jahr 1165 fand die Grundsteinlegung statt und setzte den Anfangspunkt der Geschichte späteren Landes Brandenburg.
Zurück aus dem Domstreng (was für ein hübsches Wort) fährt unser Schiff auf den Beetzsee zu. Erstmals sehen wir, was sich hinter den dicht bebauten Straßenzeilen an Flusslandschaft verbirgt. Von den Gassen der Stadt aus ist diese Idylle unsichtbar: Baumbestandene Ufer, hübsche Gärten, gemütliche Pavillons, immer wieder Anlegestellen. Vom Wasser aus bietet Brandenburg dörfliche Beschaulichkeit. Hier zu wohnen stellen wir uns herrlich vor.
Hinter einer Brücke öffnet sich der Beetzsee und die Regattastrecke rückt in unseren Blick. Auf einem Pfahl am Rande der Fahrrinne steht die Figur eines legendären Brandenburgers: Fritze Bollmann. Unser Stadtführer-Kapitän läuft zur Höchstform auf, der berühmte Angler ist ein dankbares Thema und dann erklingt, zur allgemeinen Freude und zum Mitsingen animierend, das hinlänglich bekannte Lied von Fritze Bollmann und seinem Angelkahn.
Und wieder heißt es Beidrehen und zurück Richtung Silokanal. Der Silokanal, fast lässt der Name es schon vermuten, ist ein sehr ingenieurtechnischer Wasserweg. Auch die Uferbebauung ist entsprechend. Vorbei geht es am Stahlwerk mit seinen Kränen und Hallen. Früher reihten sich hier die Schmelzöfen mit ihren Schloten. Die Schornsteine sind heute verschwunden, doch im Industriemuseum an der Stirnseite der gigantischen Werkhalle ist ein alter Siemens-Martin-Ofen für die Nachwelt erhalten worden.
Aus dem Silokanal ergießt sich das Havelwasser in den Quenzsee, in der Ferne ist Kirchmöser zu sehen. Hier übernehmen Natur und Weite die Regie. Nur noch bewaldete Ufer und glitzernde Wasserflächen umgeben uns und die Stadt scheint plötzlich fern. Wir halten auf den Breitlingsee zu, fahren dann bis zur Kanincheninsel und zurück auf die Brandenburger Niederhavel. Das Flussufer ist über weite Strecken naturbelassen, fast würde ich es als urwüchsige Auenlandschaft bezeichnen. Es verbreitet Ruhe und scheint abgeschieden. Nur spärliche Spuren erinnern an die Zeit, als ganz in der Nähe, in den Arado-Werken, Flugzeuge gebaut wurden. Kaum zu glauben ist auch, dass sich hier, in diesem engen Flussabschnitt, der gesamte Schiffsverkehr auf der Havel mitten durch die Stadt zwängte. Erst mit dem Bau des Silokanals konnten ab 1910 die Frachtschiffe um Brandenburg herumgeleitet werden.
Langsam kommt Brandenburg wieder in Sicht. Die Bebauung wird dichter und schon rückt auch die Jahrtausendbrücke wieder heran. Unser Rundkurs auf der Havel um die Insel Brandenburg geht zu Ende. Auch der Waldmops auf den Treppenstufen freut sich, dass wir wieder da sind.
Wer es nicht weiß: Waldmöpse, kleine Skulpturen der Loriot-Figuren mit Geweih, finden sich überall im Stadtgebiet, denn Loriot ist Brandenburger. Wer mag, kann seine ausgewilderten Möpse bei einem Stadtspaziergang auch ganz planvoll entdecken. Vielleicht mache ich das demnächst einmal.

Zeitstempel: August 2018
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