Beelitz-Heilstätten: Baumwipfel und Ruinen

Die Beelitzer Heilstätten präsentieren sich als verwunschener Ort. Der Besucher spaziert an Ruinen vorbei und bewundert aus der Höhe, wie sich die Natur der Reste der einst prächtigen Gebäude bemächtigt. Ein geheimnisvoller, vielleicht gespenstischer, in jedem Falle aber interessanter Ort. Drum herum ist sehr viel märkischer Wald. Seine gute Luft war der Grund, hier ein Sanatorium für Lungenkranke zu bauen. Das Städtchen Beelitz und seine berühmten Spargelfelder liegen ein ganzes Stück entfernt. Die Heilstätten haben damit nicht mehr als den Namen gemein und machten schon immer ihr eigenes Ding. Doch davon später mehr, denn es gibt einiges zu erzählen.
Die Hauptattraktion für Besucher ist der 2015 eröffnete Baumwipfelpfad, mit dem sich die Umgebung aus luftiger Höhe erkunden lässt. Bereits beim Spaziergang vom Parkplatz zum Eingang wird klar, dass es auf diesem Boden nicht nur um Natur geht. Überall, in eine verwilderte Parklandschaft gestreut, sind marode Häuser zu sehen, die trotz starkem Verfall immer noch ihren einstigen Glanz erahnen lassen. Einige Gebäude, vor allem die verkehrsgünstig an der Hauptstraße gelegenen, sind bereits saniert und haben sich wieder mit Leben gefüllt, doch das Areal ist groß und viele Bauten werden noch eine lange Zeit der Verwahrlosung erdulden müssen. Gegen die magische Anziehungskraft der trostlosen Ruinen wirken die aufgestellten Bauzäune offensichtlich nur bedingt. Trampelpfade im Gras, eingeschlagene Fenster, zertrümmerte Möbel und Schmierereien künden davon.
Den Rundkurs des Baumwipfelpfades sollte man sich in jedem Fall gönnen. Er beginnt mit einem Aussichtsturm. Vierzig Meter über dem Boden vermittelt sich die Weitläufigkeit des Geländes und der Blick reicht über die Wälder bis nach Berlin, das überraschend nah erscheint. Zwischen den Bäumen sind einige Dächer der Heilstätten zu sehen. 60 Häuser wurden für das Sanatorium auf einer Fläche von 200 Hektar einst in den Kiefernwald gestreut. Viele davon sind Ruinen, denen wir beim Spaziergang zum Turm schon begegnet sind, einige haben bereits eine neue Nutzung gefunden und blinken mit frischen Farben.
Der eigentliche Baumwipfelpfad folgt den Konturen einer markanten Ruine, des so genannten Alpenhauses. Es handelt sich dabei um das einstige Frauen-Sanatorium, das in den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges in Flammen aufging und danach nie wieder instandgesetzt wurde. Seit über 75 Jahren erobert sich die Natur das Gebäude Stück für Stück zurück und hat ein Dach aus Bäumen aus den brüchigen Mauern wachsen lassen.
Die Geschichte der Beelitzer Heilstätten begann an der Schwelle zum 20. Jahrhundert. In Berlin wuchsen die Fabriken und Mietskasernen in die Höhe. Überall lag Fortschritt in der Luft – aber auch die Tuberkulose-Erreger. Die kläglichen Lebensbedingungen und hygienischen Zustände in den engen Berliner Hinterhöfen ließen die Krankheit zum ernsten Problem werden. Ein Sanatorium und frische Luft mussten her. So wuchs die Vorzeigeklinik im Beelitzer Wald. Die modernsten medizinischen Erkenntnisse jener Zeit kamen zur Anwendung. Bis zu 1200 Betten hatte das Klinik-Areal nach seiner Fertigstellung und funktionierte wie eine kleine Stadt, in der für alles selbst gesorgt wurde. Von der Elektrizität bis zur Wäscherei war an alles gedacht und die Patienten wurden in fürstlichen Speisesälen versorgt. Im Ersten Weltkrieg wurden die Einrichtungen als Lazarett für verwundete Soldaten genutzt, ab 1920 waren die Heilstätten wieder Sanatorium, jedoch nur noch für Frauen und Kinder.
Im April 1945 waren die Wälder rund um Beelitz Schauplatz einer der letzten großen Schlachten des Zweiten Weltkrieges. Die Armee Wenk versuchte, den Ring der Roten Armee um Berlin zu durchbrechen. Die Heilstätten waren zu dieser Zeit wieder Kriegslazarett und hoffnungslos mit Verwundeten überfüllt. Während der Evakuierung kam es bereits zu Kämpfen mit der Rote Armee und das Dach des Alpenhauses geriet in Brand.
Nach dem Krieg wurden die Heilstätten Sperrgebiet und zum größten Militärhospital der Roten Armee außerhalb der Sowjetunion. Die russische Armee blieb bis zu ihrem Abzug 1994, die Alpenhaus-Ruine wurde derweil sich selbst überlassen und nur mit Warnhinweisen auf russisch bedacht. Danach lag fast das gesamte Gelände der Heilstätten brach. Die Gebäude verfielen, Diebstahl und Vandalismus hinterließen ihre Spuren.
Es ist schwer zu vermitteln, wie groß und weitläufig die Fläche der Heilstätten ist. Der Besuch des Baumwipfelpfades und ein Spaziergang durch die frei zugänglichen Bereiche vermitteln nur einen kleinen Eindruck. In andere Teile des Geländes ist zudem inzwischen wieder normales Leben zurückgekehrt. Es wurde saniert, gesichert und unter Denkmalschutz gestellt. Mit jedem Jahr mehr werden die Spuren der bewegten Geschichte sich weiter verwischen. Die Ruinen verbreiten mit ihrer Aura der Vergänglichkeit einen magischen Zauber. Und doch sind es Narben, die verheilen und sich in ferne Erinnerungen verwandeln dürfen.

Zeitstempel: April 2018
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