Heiße Dämpfe in den Feuerbergen

Feuerberge heißt auf spanisch 'Montañas del Fuego'. Sie standen heute auf unserem Programm und wir machten uns am Morgen auf den Weg in den Nationalpark Timanfaya. Timanfaya ist der Name eines der Dörfer, das die Vulkane bei den letzten großen Ausbrüchen auf Lanzarote unter sich begraben haben. Geblieben ist eine unüberschaubare, leblose Fläche aus Schlacke und Asche, durch die eine schnurgerade Straße den mächtigen Vulkankegeln entgegen strebt. Wir versanken regelrecht in dieser bizarren Welt aus Urgewalten, deren Stille nur vom Wind gestört wird, der sich an kantigen Felsen bricht. Der Teufel ist das passende Symbol für diese Landschaft. Das also bleibt übrig, wenn er die Höllentore öffnet, den Boden bersten und die Erde brodeln lässt. Und alle wissen: Er ist nicht fort, er schläft nur gerade.



Wir waren zeitig aufgebrochen, um nicht in den großen Ansturm der Bustouren zu geraten. Doch wir waren nicht die einzigen mit diesem Plan. An der Zufahrt zum Touristenzentrum des Nationalparks herrschte bereits reger Andrang. Was wir zunächst für einen Stau hielten, war eine sehr sinnvolle Warteschlange. Die Straße für die letzte Etappe den Vulkanberg hinauf war so schmal, dass der Verkehr wechselseitig geregelt werden musste. An Stelle eines Randstreifens gab es eine erhabene Kante für den Absprung ins Geröll. Abenteuerlich klein wirkte auch der Parkplatz am Ziel, doch sofort nahmen uns Einweiser in Empfang, die mit routinierten Handbewegungen das Chaos dirigierten. Bevor wir uns nach dem Aussteigen auch nur grob orientieren konnten, wurden wir direkt in einen bereitstehenden Bus komplimentiert: Zuerst eine Rundfahrt, sie ist im Ticketpreis inklusive.



Die Busrunde, so verstanden wir schnell, ist die einzige Möglichkeit, die Kraterwelt des Nationalparks zu erkunden. Die Streckenführung windet sich um die Vulkankegel, führt waghalsig in die Höhen, passiert schmale Furten und erreicht luftige Aussichtspunkte. Das ist nur etwas für wirklich versierte Buspiloten und die Rundfahrt wurde in vielerlei Hinsicht atemberaubend. Unterwegs wurden wir über die Buslautsprecher mit Anekdoten und Informationen versorgt: Drei Viertel der Insel sind von Lava bedeckt, rund 100 Vulkane haben über 300 Krater gebildet. Sechs Jahre dauerten die Ausbrüche im 18. Jahrhundert, sie transportierten acht Millionen Kubikmeter Eruptivmaterial aus dem Bauch der Erde. Noch heute betrage hier die Temperatur nur wenige Meter unter der Oberfläche mehrere hundert Grad. Doch eindrucksvoller als die Daten und Fakten war die Landschaft, die wie langsam passierten. Sphärische Musik verstärkte den Eindruck, durch eine unwirkliche Welt zu schweben, die erst vor einem Augenblick zu Stein erstarrt ist. Unsere Blicke wanderten in eine scheinbar leblose Ferne, die rostbraunen Vulkanhänge hinauf und hinab in die Abgründe von Kraterrachen.



Die wellenartig erstarrte Lava vor dem Fenster, die noch erahnen lässt, wie sie sich als zähe Masse vorwärts wälzte und auftürmte, hörten wir dem Bericht des damaligen Pfarrers aus Yaiza zu, der als Augenzeuge erlebt hat, wie sich am Abend des 1. September 1730 die Erde öffnete: "Ein gewaltiger Berg bildete sich bereits in der ersten Nacht und Flammen schossen aus seinem Gipfel. Wenige Tage später brach ein neuer Schlund auf ... Die Lava floss nach Norden, anfangs wie sprudelndes Wasser, später zähflüssig wie Honig. Doch am 7. September stieg mit unheilvollem Donnern ein riesiger Fels aus der Tiefe und zwang die Lava dazu, ihren Fluss nach Westen und Nordwesten zu wenden. Dort zerstörte sie die Orte Maretas und Santa Catalina. Am 11. September erneuerte sich die Gewalt der Lava. Sie bedeckte und verbrannte das Dorf Mazo und stürzte danach acht Tage lang als feuriger Katarakt unter furchtbarem Tosen ins Meer, so dass tote Fische in riesigen Mengen an der Oberfläche schwammen oder ans Ufer geworfen wurden." Viele der Inselbewohner seien damals nach Gran Canaria geflüchtet und konnten nicht ahnen, dass die Eruptionen noch über Jahre weitergingen. Der Mensch fühlt sich klein, im Angesicht solcher Naturgewalten - steigt ergriffen aus dem Bus und bummelt dann durch den Souvenirladen oder bestellt sich im Restaurant "El Diablo" ein halbes Hähnchen, das auf einem Grill über einer tiefen Erdgrube mit der Hitze des Vulkans gegart wurde.



Das Restaurant "El Diablo" (Der Teufel) wurde mitten auf einen Vulkankegel gebaut. Direkt vor den Panoramafenstern steigt die Gluthitze aus dem Boden. Das krümelige Basaltgranulat zu unseren Füßen war überraschend warm, als wir es in die Hand nahmen. In ein Erdloch wurden für die Touristen immer wieder mit einer Forke Heuballen gehalten, die unmittelbar in lodernde Flammen aufgingen. Besonders spektakulär: In ein in die Erde gelassenes Stahlrohr wird Wasser gegossen, dass bereits nach wenigen Metern auf Temperaturen von über 400 °C trifft und explosionsartig verdampft. Eine Fontäne aus Wasserdampf schießt in die Höhe und lässt die Zuschauer ehrfurchtsvoll einen Schritt zurückweichen. Wir schauten uns diese Attraktion mehrfach an und machten uns dann auf den Weg zum Besucherzentrum des Nationalparks Timanfaya.



Das Besucherzentrum ist auf einer weiten Ebene aus Vulkangestein direkt in die meterdicke Schicht erstarrten Gesteins hineingebaut. Die weißen Mauern gehen direkt in die wild aufgeschichtete Schlacke über. Hölzerne Stege führen in das Meer aus Lava hinein und wir konnten uns anschauen, wie in das tot wirkende Areal zaghaft und ganz langsam durch Moose und Farne wieder das Leben zurückkehrt. Im Gebäude gibt es interessante Informationen über den Vulkanismus allgemein und auf Lanzarote im Besonderen. In einem Raum konnten wir sogar die Simulation eines Vulkanausbruchs miterleben. Zwar fand die Multimedia-Show gerade in der französischen Variante statt, doch das Grollen des Berges, das Brodeln im Krater und das Fließen der Lava über die Felsen sind in jeder Sprache verständlich.



Es waren faszinierende Stunden, die wir bei den Vulkanen verlebt haben. Wer Lanzarote besucht, sollte sie sich nicht entgehen lassen. Am frühen Nachmittag machten wir uns auf den Weg zurück in unseren Urlaubsort, zu den Palmen und Stränden. Auch von dort waren die fernen Feuerberge jederzeit sichtbar, doch nach dem Besuch nimmt man sie irgendwie anders wahr. Sagen wir: respektvoller.

#Dagewesen: Juni 2018
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