Gransee: Der legendäre Wartturm

Wir waren schon in Gransee. Im Sommer letzten Jahres hatten wir bei einem Tagesausflug die Altstadt erkundet und, immer die Stadtmauer entlang, umrundet. Wir sind interessanten Geschichten und Sehenswürdigkeiten begegnet, um die es heute aber nicht gehen soll. Vielmehr beschlich mich seinerzeit, einige Tage nach unserem Besuch, das Gefühl, etwas verpasst zu haben. Ich nahm nämlich Fontanes "Wanderungen durch die Mark" aus dem Regal und wollte nachlesen, wie er Gransee damals erlebt hat. Fontane hatte sich der Stadt von Ruppin her genähert und zuerst an einem mittelalterlichen Wartturm Station gemacht, über den er einiges Legendäre zu berichten wusste. Das waren unterhaltsame Zeilen und natürlich dachte ich: Schade, dass wir uns den Turm nicht angeschaut haben. Als wir dieser Tage in der Nähe waren, war dieser Gedanke wieder da und wir ließen uns von Google den Weg für einen kurzen Abstecher weisen.
Von der B96 in die Oranienburger Straße, auf die Stadtmitte zu, dann in den Meeseberger Weg und weiter bis zur Oberhavel Klinik. Ich fand schon seltsam, keinen touristischen Wegweisern zu begegnen. Ein winziges Schild am Parkplatz der Klinik war der einzige Hinweis. Von hier ging es zu Fuß weiter, einen bewaldeten Hügel hinauf und schon nach wenigen Schritten sahen wir den Wartturm. Fontane hatte geschrieben, er sei einem Fabrikschlot nicht unähnlich. Jetzt verstand ich, was er meinte. Der Turm ist überraschend schlank, etwa 15 Meter hoch, hat markante Backsteinrippen und ist ansonsten aus Feldsteinen gebaut. Im Inneren verläuft eine schmale Wendeltreppe nach oben. Ein schlichter, funktioneller Bau und über 600 Jahre alt. Zugegeben, keine Schönheit. Doch wie beiläufig er hier in Nachbarschaft zum Wasserwerk sein Dasein fristet, finde ich schon seltsam. Nicht einmal eine kleine Infotafel gibt es. Sie könnte davon erzählen, wie dereinst Wächter auf dem Beobachtungsturm nach rauflustigen Adligen, räuberischen Ritterbanden und anderen Bedrohungen für die Stadt Ausschau hielten und mit einem Hornsignal nach Gransee meldeten, wenn es galt, die Tore zu verschließen. Die Zeiten waren unsicher damals, die Grenze zu Mecklenburg nah. Vermutlich führte unweit des Wartturms ein Handelsweg vorbei, von Lindow kommend direkt auf das Ruppiner Tor zu. Es braucht etwas Fantasie, sich diese Szenerie vorzustellen. Heute verlaufen die Verkehrswege woanders und der Standort des Turmes wirkt abgelegen.
Die Aussichtsplattform oben im Wartturm kann nur sehr klein sein. Auf ihr saßen im Jahr 1348, so behauptet die Legende, der Stadtwächter Mathis und der Räuber Hans Lüddecke. Sie sollten sich im Kampf einem Gottesurteil stellen und wurden dabei von den Granseern vom Fuße des Turmes aus beobachtet. Fontane erzählt diese Begebenheit und bezieht sich dabei auf den Dichter Willibald Alexis, der in seinem Roman "Der falsche Waldemar" der Legende ein literarisches Denkmal gesetzt hat. Kurz gefasst geht die Geschichte so: Räuber Hans und seine Kumpane wollen Gransee erobern und ersinnen eine List, den Wachmann im Turm außer Gefecht zu setzen. Der ein wenig von Langeweile geplagte Stadtwächter Mathis tappt in die Falle - genauer gesagt, blickt zu tief in den Weinbecher und schläft danach seinen Rausch aus. Ohne Vorwarnung fallen die Angreifer über die Stadt her, doch den Verteidigern gelingt es, die Räuber abzuwehren und sogar ihren Anführer Hans gefangen zu nehmen. Ein Gericht der Stadt verurteilt den räuberischen Hans und den pflichtvergessenen Mathis zum Tode. Doch es gibt ein Zugeständnis: Bei einem Ringkampf auf der Plattform des Turmes soll Gott entscheiden, wer von beiden in den Tod stürzen und wer frei weiterleben wird. Aber statt miteinander zu kämpfen, sitzen Hans und Mathis mit den Vorräten aus dem Turm friedlich beisammen. Sie denken nicht einmal daran, zu kämpfen. Fünf Tage warten die Granseer vor dem Turm. Da kommt plötzlich mit großem Gefolge Waldemar daher, der Markgraf von Brandenburg.
Natürlich nahm die Geschichte von hier an eine Wendung: Alle Aufmerksamkeit wandte sich dem hohen Besuch zu. Markgraf Waldemar nahm sich der Sache an und ließ Gnade walten. Weder Hans noch Mathis mussten sterben. Unter dem Jubel der Bürgerschaft zog der Landesfürst durch das Ruppiner Tor in die Stadt. Wenig später stellte sich heraus, dass der vermeintliche Markgraf Waldemar ein Hochstapler war. Der falsche Waldemar wurde abgesetzt und der Stadt Gransee auferlegt, als Sühne, den falschen Waldemar mit allen Ehren empfangen zu haben, das Stadttor zu vermauern. Aber hier sind wir schon auf der nächsten Seite einer ganz anderen Geschichte ...
Die Jahrhunderte haben historische Ereignisse und volkstümliche Fabulierlust frisch durcheinandergewürfelt. Es ist auch völlig unerheblich, welchen Wahrheitsgehalt diese Überlieferungen haben. Fakt ist, dass, wer diese Legende kennt, anders zur Turmspitze empor und zu den Kirchtürmen der Stadt hinüber schaut. Der Wartturm ist wahrlich kein spektakulärer Bau, doch wurde von ihm bereits ins Land geblickt, lange bevor die Stadtkirche in Gransee überhaupt Türme hatte.

Wie gesagt, es ist bedauerlich, dass der Wartturm seinen Besuchern so wenig von sich erzählen darf. Einzig die Denkmalplakette neben der Tür weist ihn als ein Bauwerk mit Geschichte aus. Da ließe sich mehr draus machen. Er ist einer der Letzten seiner Art im Brandenburger Land und ich wünsche ihm wenigstens eine klitzekleine Infotafel. Eine Bank gegenüber der Treppe gibt es bereits. Von ihr aus kann man nach oben zur Turmspitze schauen und darauf warten, dass Stadtwächter Mathis herunterwinkt.

Zeitstempel: März 2021
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