Potsdam: Sacrower Park und Heilandskirche

Sacrow gehört zu Potsdam. Wer von der Glienicker Brücke aus über die Havel zur Heilandskirche hinüberschaut, wundert sich darüber nicht. Das Sacrower Ufer scheint nur wenige hundert Meter entfernt, mit dem Wassertaxi ist man in Minuten auf der anderen Seite. Anders sieht es aus, wenn man das Dorf auf festen Wegen erreichen will. Dann geht es nach Norden erst einmal aus der Stadt heraus, durch Neu Fahrland, um den Krampnitzsee herum und auf der anderen Wasserseite noch einmal am Jungfernsee entlang durch den Königswald. Da kommen bis Sacrow schnell ein gutes Dutzend Kilometer auf dem Tacho zusammen. Alle Achtung, sagt man sich dann, dass ein Ort so weit draußen noch zu Potsdam gehört. Doch das ist nicht einmal alles: Der Sacrower Park ist untrennbar mit der Potsdamer Kulturlandschaft und dem Reigen der Schlösser rings um den Jungfernsee verwoben. Doch dazu später mehr.
Wir sind mit dem Auto gekommen, das Wassertaxi verkehrt noch nicht. Zu dem Ausflug ermuntert hat mich Facebook, denn pünktlich zum Wochenende wurde mir ein alter Beitrag als Erinnerung angezeigt: Mein Foto von der tausendjährigen Eiche im Sacrower Park. Ein imposanter Baum. Nicht auf dem Bild zu sehen sind die Kälte und die Schneeschauer, die uns damals umgaben. Da sollten wir an einem freundlichen Frühlingstag wieder einmal hin. Gedacht, getan.

Die tausendjährige Eiche steht noch da. Sie ist eine Stieleiche und wirkt wahrlich uralt. Rund um den massiven Stamm liegen tote Äste wie abgenagte Knochen herum, noch immer im festen Griff breiter Eisenschellen, die sie einst halten sollten. Es wirkt, als sei die Baumkrone irgendwann unter ihrer eigenen Last auseinandergebrochen. Diese Eiche muss einmal eine Schönheit gewesen sein. Dann haben Stürme und die Zeit ihr übel mitgespielt. Geblieben ist ein Stumpf, der noch immer jährlich frisches Grün sprießen lässt. Ein Baum mit einer magischen Aura. Ideal geeignet als Nistplatz für Märchen und Legenden und immer noch Blickfang. Die Eiche steht allein auf einem sanften Hügel und ist fester Bestandteil der Parkinszenierung. Man glaubt ihr die tausend Jahre sofort, doch in Wahrheit wurde sie etwa um das Jahr 1790 gepflanzt. Das lässt hoffen, dass ihr bei guter Pflege noch ein paar belaubte Jahre als Naturdenkmal im Park vergönnt sind.
Wir spazieren weiter zum Schloss. Schloss ist eigentlich ein etwas großer Begriff. Nennen wir es Herrenhaus, vielleicht Gutsschloss. Das trifft es von den Dimensionen her besser. Ich will dem Haus damit nicht Unrecht tun. Es ist ordentlich saniert, die helle Fassade leuchtet von Weitem durch die Baumreihen. Doch in, am und um das Schloss wird mit dekorativen Elementen äußerst sparsam umgegangen. Die Gründe dafür erhellen sich bei einem Blick auf die bewegte Geschichte: Das Dorf Sacrow geht auf ein Rittergut im 14. Jahrhundert zurück. Von dem zugehörigen Gutshaus gibt es keine Spuren mehr. Die heutigen Gebäudekonturen entstanden am Ende des 18. Jahrhunderts im symmetrischen Stil der Zeit. 1840 erwarb König Friedrich Wilhelm der IV. von Preußen das gesamte Gelände und ließ es in die Potsdamer Residenzlandschaft integrieren. Schloss und Park erlebten daraufhin ihre Blütezeit und die Heilandskirche wurde gebaut. Machen wir einen Sprung hundert Jahre weiter: Im Dritten Reich wurde das Herrenhaus zum Wohnsitz eines hohen Forstbeamten umgebaut. Dabei gingen viele barocke Elemente und architektonische Details verloren. Nach dem Krieg war das Schloss kurze Zeit Kinderheim, dann Erholungsheim und schließlich übernahm der Zoll der DDR das Gelände und machte den Park zur Ausbildungsfläche für Spürhunde. Mit dem Mauerbau wurde der gesamte Uferstreifen am Jungfernsee zum Grenzgebiet. Vor dem Hintergrund all dieser Unbilden – und die Aufzählung ist noch nicht einmal vollzählig – erscheint die Situation rings um die mächtige Platane vor dem Schlosseingang in einem anderen Licht. Zumindest gab es hübschere Zeit und was nicht mehr ist, kann ja wieder werden. Leider steht das Schloss derzeit leer. Mit einem tragfähigen Nutzungskonzept könnte es in größeren Schritten voran gehen. Doch der Stand der Dinge muss gewürdigt werden. Nach Jahrzehnten der Sperrung und Vernachlässigung hat sich viel getan. Altlasten wurden entsorgt, das Schloss ist saniert, der Park ersteht neu, die Heilandskirche ist gerettet.
Schauen wir uns den Park näher an. Friedrich Wilhelm IV., der sogenannte Romantiker auf dem Preußenthron, fand Gefallen an Sacrow und wollte es dem Ensemble aus Schlössern und Parks rings um die Havelseen angliedern. General-Gartendirektor Peter-Josef Lenné sollte sich um die gärtnerische Umsetzung kümmern. Er fand ideale Bedingungen, um den Park als Kulisse für seine berühmten Sichtachsen zu gestalten. Dieser Reigen an Fernsichten ist bis heute eindrucksvoll. Es macht großen Spaß, an den zentralen Stellen des Parks und selbst vom Uferweg aus nach architektonischen Grüßen aus der Ferne Ausschau zu halten. Das Schloss auf der Pfaueninsel, der Jägerhof im Glienicker Park, Schloss Glienicke, Schloss Babelsberg, die Glienicker Brücke, Schloss Babelsberg, der Flatowturm im Babelsberger Park, die Kuppel der Nikolaikirche und die Stadtsilhouette Potsdams, das Marmorpalais im Neuen Garten, das Belvedere auf dem Pfingstberg. Eine ansehnliche Liste, die später sogar noch um das Schloss Cecilienhof und die Kaiserliche Matrosenstation ergänzt wurde. Ich denke, es gibt keinen zweiten Aussichtspunkt zu ebener Erde in Potsdam, der eine solche Fülle an Landmarken aus der Hohenzollernzeit präsentiert. Diese hübsche Versammlung macht den Spaziergang entlang der Parkwege zu einem interessanten Zeitvertreib. Beim nächsten Mal werde ich ein Fernglas dabeihaben.
Natürlich hat Lenné nicht einfach nur nach Turmspitzen ausgerichtete Schneisen in den Wald geschlagen. Ich denke es versteht sich von selbst, dass der Park vor allem ein Stück sehenswerte Gartenkunst ist. Er verbreitet eine harmonische Stimmung. Jetzt, Anfang April, blühen die ersten Obstbäume auf den Wiesen, aus den Kastanienknospen räkeln sich kleine Blattfinger hervor und der Geruch von Bärlauch liegt in der Luft. Große Matten sattgrüner Halme breiten sich neben den Wegen aus. Wir wundern uns, weil die Blätter des vermeintlichen Bärlauchs so seltsam lang und schmal sind. Die haben wir breiter in Erinnerung. Später erst stellt sich heraus: Hier wächst Wunder-Lauch, auch Berliner Lauch genannt, eine invasive Art aus Asien, die sich massenhaft vermehrt und wie ein Gras wuchert. Es handelt sich also nicht um richtigen Bärlauch, obwohl er ähnlich riecht und offenbar sogar essbar ist. Im Sacrower Park wächst der Berliner Wunder-Lauch in großen Teppichen. Ob das Ernten für die individuelle Pesto-Produktion gern gesehen wird, weiß ich jedoch nicht.
Die letzte Station, und der Höhepunkt jedes Rundgangs, ist die Sacrower Heilandskirche. Sie gibt sich sehr italienisch und steht unmittelbar am Fluss. Sie wirkt wie ein Schiff und hat an einer idyllischen Uferstelle festgemacht. Die äußeren Mauern sind der von Wasser umspülte Rumpf, das Deck wird von einem umlaufenden Säulengang gebildet und hat keine Reling. Von einem Vorplatz mit großem Steinkreuz und Campanile geht es, um im maritimen Bild zu bleiben, über eine kurze Treppe an Bord. Die Heilandskirche ist aus jeder Entfernung und Perspektive ein Ereignis. Wie bereits erwähnt, gab König Friedrich Wilhelm IV. ihren Bau unmittelbar nach dem Erwerb von Sacrow in Auftrag. Es heißt, er habe seinem Baumeister Ludwig Persius sogar persönlich erstellte Skizzen übergeben, wie er sich den Kirchenbau vorstellt.
Während der Zeit der Berliner Mauer lag die Kirche direkt im Todesstreifen und war dem Verfall preisgegeben. Der Glockenturm wurde zum Wachturm der Grenzposten, der Kirchenraum war verwüstet. Der Fall der Mauer kam für die Heilandskirche sprichwörtlich fast in letzter Minute. Danach begann die aufwendige Restaurierung. Zum Glück konnten die Bauten, die Ausstattung und auch das Umfeld wieder weitestgehend hergestellt werden, doch die Erinnerungen an die Wunden der Vergangenheit werden so schnell nicht verblassen. Heute gehört die Heilandskirche zu den beliebtesten Ausflugszielen in Potsdam und ist eine Attraktion am Jungfernsee.
Übrigens ist der Sacrower Park auch ganz ohne Hintergrundwissen ein Genuss. Mit einer Picknickdecke auf dem Gras am Havelufer, unter wärmenden Sonnenstrahlen, mit dem Blick über das glitzernde Wasser zur Stadt hinüber, bei Vogelgezwitscher und Wiesenduft ist es einfach nur schön hier. Stundenlang, wenn man mag.

Zeitstempel: April 2021
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