Teltow: Kirschblütenallee

In diesem Jahr hat ein unterkühlter Frühling das große Blühen herausgezögert. Normalerweise entfalten sich die Knospen etwa um die letzte Aprilwoche zu einem rosafarbenen Kirschblütenband und es gibt ein großes Fest. Aber was ist schon normal? Wegen Corona fällt das Fest bereits zum zweiten Mal aus und die Natur gibt sich lustlos. Doch nun endlich ist es so weit. Pünktlich zum ersten strahlend hellen und sommerlich warmen Sonntag der Saison erscheint das rosa Leuchten. Ein sehenswertes Ereignis. Ich habe es mir angeschaut und mit mir waren Scharen von Besuchern unterwegs - ich würde sagen, nur unwesentlich weniger Leute als beim letzten Fest mit Buden und Programm vor drei Jahren. Denn die eigentliche Attraktion war schon immer das Wandeln unter einem Blütendach.
Wer die Kirschblütenallee noch nicht kennt: Sie zieht sich in drei parallelen Baumreihen auf der Grenzlinie zwischen Teltow und Berlin von der Lichterfelder Allee bis nach Sigridshorst. Rund 1.100 Japanische Kirschbäume, die prachtvoll blühen und keine Früchte tragen, wurden auf einer Strecke von anderthalb Kilometern zu einer Allee gepflanzt. Seit Mitte der neunziger Jahre wachsen sie hier und markieren den ehemaligen Verlauf der Berliner Mauer. Wo einst bewaffnete Soldaten patrouillierten und Wachtürme standen, flanieren heute Spaziergänger; wo einst Mauern und Zäune waren, bestimmen blühende Baumkronen das Bild.
TV Asahi Kirschblütenallee - so heißt die Allee korrekt und vollständig. Sie ist Teil der Sakura-Kampagne. Nach dem Fall der Mauer rief der japanische Fernsehsender seine Zuschauer zu spenden für die Kampagne auf, um anlässlich des Endes der deutschen Teilung mit dem Pflanzen von Japanischen Blütenkirschen ein Zeichen der Verbundenheit zu setzen. Umgerechnet eine Million Euro wurden gesammelt und viele tausend Bäume als Gruß zwischen den Völkern von Japan und Deutschland gepflanzt. Sie stehen zum Beispiel an der Glienicker Brücke, der East-Side-Gallery, der Bornholmer Straße und in den Gärten der Welt in Marzahn-Hellersdorf. Eine zusammenhängende Baumreihe wie die TV Asahi Kirschblütenallee gibt es jedoch nur hier, zwischen Lichterfelde und Teltow.
Die Kirschblüte (japanisch: Sakura) hat in Japan als Sinnbild für die Ankunft des Frühlings traditionelle Bedeutung. Seit über tausend Jahren wird sie mit dem Brauch des Hanami (deutsch: Blütenschau oder Betrachtung der Kirschblüten) begangen. Innerhalb des buddhistischen Glaubens hat diese nur wenige Wochen währende Blütezeit auch spirituelle Bedeutung. Auf dem Gedenkstein am Ende der Allee, am Japan-Eck, wurden vielleicht deshalb, neben dem Hinweis auf die Spender, auch Zeilen des japanischen Heiku-Dichters Kobayashi Issa aufgenommen. Sie lauten:
Unter den Zweigen
der Kirschbäume in Blüte
ist keiner ein Fremder hier.
Es hat etwas Besonderes, hier während der Blütezeit spazieren zu gehen. Maiengrün, Himmelsblau und Zartrosa heben einander wechselseitig empor. Viele Menschen sind entspannt unterwegs, schlendern die Pfade entlang oder sitzen im Schatten der Baumkronen. So begeht jeder sein eigenes Hanami, genießt die Natur - und freut sich darauf, dass es im nächsten Jahr wieder ein richtiges Fest geben wird. Mit Imbissbuden und Infoständen, mit Gedränge und Nähe, mit Musik und Tanz, richtig normal.
Also: Das Blühen in diesem Jahr hat begonnen. Es währt nur kurze Zeit, es gilt sie zu nutzen. Vielleicht schon in zwei Wochen werden die Blütenblätter wie rosa Schnee herabrieseln und den Boden bedecken.

Zeitstempel: Mai 2021
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